Pulverdampf und Kanonendonner

August der Starke
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August der Starke

svz.de von
08. Juli 2012, 06:32 Uhr

Wakenstädt | Aleksei Manevin läuft der Schweiß übers Gesicht. Die kurze Nacht im Biwak, der drei Kilometer lange Marsch zum Schlachtfeld nach Wakenstädt und dann noch diese drückende Hitze. Der Mann mitte 30 aus Estland wischt sich übers Gesicht, rückt seine grün-rote Stoff-Uniform zurecht und gönnt sich einen Schluck Wasser. In wenigen Minuten zieht er mit seinen Kameraden von der historischen Gruppe "Prebrozhensky Regiment 1709" aufs Feld. "Da unten stehen schon die Schweden", sagt Infanterist Aleksei, schultert seine Muskete und reiht sich ein in seine russische Einheit.

Während Aleksei Stellung bezieht, fährt in Wakenstädt bei Gadebusch ein Bus nach dem anderen vor. So viel Andrang, das hat das kleine Örtchen noch nicht erlebt, aber die Nachstellung der Schlacht bei Gadebusch, die vor 300 Jahren hier stattgefunden hat, die wollen sich die rund 5000 Besucher nicht entgehen lassen. Die Gäste strömen vorbei am Gedenkstein, um hinter dem Flatterband, das das Schlachtfeld eingrenzt, die besten Plätze zu ergattern. Die Reihen füllen sich, während ein schwedischer Musikkorps Marsch-Musik spielt.

Unten, wo der Wald endet und das Stoppelfeld anfängt, lädt die schwedische Artillerie ihre Kanonen. Es ist schwül, ein Gewitter liegt in der Luft, doch das Donnergrollen, das gleich über Wakenstädt ziehen wird, stammt von Kanonen.

Viele Vereine mit Dutzenden von Mitgliedern, die die Erinnerung an die Kämpfe und das Leid von damals wach halten wollen, sind an diesem Wochenende nach Gadebusch gekommen. Sie kommen aus Schweden oder Dänemark, Polen oder Russland, Norwegen oder Estland. Und auch aus Sachsen, denn August der Starke gehörte zur Allianz, die Seite an Seite mit den Dänen gegen die Schweden kämpfte.

Unerwartet kommt der Knall nicht, doch bis auf die rund 250 erprobten Hobby-Schlacht-Darsteller zucken alle zusammen. Die dänische Artillerie hat das Feuer eröffnet. Ein Kind fängt an zu weinen, und während die Mutter versucht, es zu beruhigen, schießt der Vater Bilder mit seiner Digitalkamera. Sie zeigen Pulverdampf, das in den Himmel steigt und Rauchschwaden, die sich an diesem windstillen Tag nur langsam über dem Feld auflösen. Und sie zeigen Bilder von den alliierten Truppen, die mit Hilfe des Lützower Freicorps den Marsch Hang abwärts starten. "Damals, als 40 000 Mann auf diesem Feld kämpften, war auch die Kavallerie dabei. Doch Pferde gibt es bei der heutigen Schlachtnachstellung aus Sicherheitsgründen nicht ", erklärt Frank Rohmann. Rohmann gehört zum Kulturhistorischen Verein 1712, ist Mitorganisator dieser Veranstaltung und hat ein Mikrofon in der Hand. Er erklärt den Besuchern anschaulich, was damals geschah und was gerade auf dem Feld passiert.

Ohrenbetäubender Kanonendonner, dazu wird noch aus allen Musketen geschossen. In der Mitte des Terrains gehen kleine Sprengsätze in die Luft, die die Einschläge von Kanonenkugeln simulieren sollen. Jetzt setzen sich auch die Schweden in Gang. Angriff, Gegenangriff. Vorwärts, rückwärts. Taktik spielte damals eine große Rolle - heute auch. Damals gewannen die Schweden - heute auch. Ein Feldarzt versorgt zwei Männer, die am Boden liegen und so tun, als wenn sie verletzt seien. "Keine Angst, sie sind nur müde", sagt ein Russe in gebrochenem Deutsch. Die Gäste am Absperrband lachen. Zwischen Rückzug und Neuformation bleibt auch Platz für Humor.

Nach knapp einer Stunde wird kapituliert. Die schwedischen Sieger rufen "Hurra", die geschlagenen Dänen, Sachsen, Russen, Polen und Lützower versuchen, Haltung zu bewahren.

Während die Darsteller Luft holen, haben sich am Gedenkstein schon viele Gäste eingefunden. Vertreter der schwedischen Regimenter, die den Namen Gadebusch auf ihrer Fahne tragen, werden Kränze niederlegen. "Aber es wird allen 3000 Toten gedacht, die damals hier gefallen sind", sagt Frank Rohmann.

Aleksei Manevin schwitzt. Das ist das kleinere Übel, denn immerhin muss er nicht in schwedische Gefangenschaft. Aber er muss zurück ins Biwak. Gibt’s denn gleich eine kalte Dusche? "Schön wär’s. Aber im Biwak gibt’s keine Duschen", sagt er und grinst. Solch einen Luxus, weiß Aleksei, den hat es vor 300 Jahren bei der Schlacht bei Gadebusch ja auch nicht gegeben.


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