"FrühlingsStürme" am Landestheater Parchim : Pubertät in den Zeiten von YouPorn

<fettakgl>Drei Mädchen auf dem Weg ins erwachsene Leben: </fettakgl>Wendla (Anne Ebel), Ilse (Wiebke Rohloff) und Martha (Carolin Bauer) in 'FrühlingsStürme' im Landestheater Parchim <foto>Bölsche</foto>
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Drei Mädchen auf dem Weg ins erwachsene Leben: Wendla (Anne Ebel), Ilse (Wiebke Rohloff) und Martha (Carolin Bauer) in "FrühlingsStürme" im Landestheater Parchim Bölsche

Im Hin und Her der Theaterpolitik, den Fragen der Fusion-ob-und-wenn-ja-wie zwischen den unterfinanzierten Bühnen in Schwerin und Rostock gerät leicht in Vergessenheit: Es gibt da noch ein Theater in MV, in Parchim.

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18. März 2013, 07:28 Uhr

Parchim | Im Hin und Her der Theaterpolitik, den Fragen der Fusion-ob-und-wenn-ja-wie zwischen den unterfinanzierten Bühnen in Schwerin und Rostock gerät leicht in Vergessenheit: Es gibt da noch ein produzierendes Theater in Mecklenburg, etwas ab vom Schuss, in Parchim. Die zum großen Teil aus jungen Schauspielern bestehende Truppe ist auf Stücke für Kinder und Jugendliche spezialisiert. "Zielgruppenorientiertes Theater" nennt Intendant Thomas Ott-Albrecht das. Wie diese Bezeichnung zu verstehen ist, zeigte seine Inszenierung von Günter Jankowiaks "Frühlings Stürme" am Sonnabendabend.

Das Stück ist die Adaption eines Klassikers - "Frühlings Erwachen" von Frank Wedekind. Auch bei Jankowiak geht es um Schule, Selbstfindung und vor allem: Sex. Oder Liebe. Oder beides, aber das ist mitten in der Pubertät ja noch nicht so einfach auseinanderzuhalten.

Die Parchimer Inszenierung - eine Koproduktion mit dem Volkstheater Rostcok - nutzt die Möglichkeit, zwischen Wedekinds Original und Jankowiaks Bearbeitung zu changieren. Vom Wedekinds Panoptikum aus Haupt und Nebenakteuren bleiben in "Frühlings Stürme" gerade fünf Figuren übrig. Die agieren in einem von Luise Czerwonatis entworfenen Bühnenbild, dessen expressionistisch grelle Farben und schiefen Formen man als Symbol für das stets fragile Innenleben der Akteure verstehen kann. Da ist der von David Kopp angemessen zappelig und nervös angelegte Moritz: Ein mieser Schüler, schwer unter Leistungsdruck und mit kochenden Hormonen: "Ich entsafte mich dreimal die Woche selbst." Sein cooler Freund Melchior (Martin Klinkenberg), schon durch sein Gothic-Kostüm als selbstgewisser Solitär ausgewiesen, rümpft nur die Nase, wenn Kumpel Moritz ihm auf dem Handy YouPorn-Filmchen vorspiel: "Ist ja eklig!" Er hat weder mit der Schule noch mit den Mädels Probleme: "Ich will wissen, warum wir auf der Welt sind." Schulschwänzerin Ilse (Wiebke Rohloff) ist auf den ersten Blick ein cooler Punk, in Wahrheit aber ein verlorenes, missbrauchtes Kind. Martha (Carolin Bauer), kommt aus einem Elternhaus, in dem Schläge Alltag sind.

Wenn Melchior in seiner Philosphenattitüde mit Weisheiten - "Selbst bei Goethe geht es nur um Penis und Vagina" - um sich wirft, hat er natürlich in Wahrheit keinen blassen Schimmer. Aber Schlag bei den Mädels, und ein Virtuose mit dem Smartphone ist er auch. Beides geht natürlich nicht gut aus, am Ende fliegen sowohl er als auch Moritz von der Schule.

Aber es endet auch nicht so tragisch wie vor 100 Jahren bei Wedekind. Die naive Wendla, mit wackelndem Po gespielt von Anne Ebel, macht ihre Erfahrungen mit Melchior und wird zwar schwanger - am Ende aber bleibt offen, ob sie das Kind behält und Melchior dazu steht. Und Moritz redet zwar von Selbsttötung. Aber ob er sie umsetzt? Eher nicht, er haut erst mal ab.

Das ist alles schön heutig, ohne banal zu werden. Denn das Erwachen des Eros ist immer noch voller Fallstricke und die Orientierung umso schwieriger, wenn per Smartphone jede Spielart der Sexualität verfügbar ist.

"Frühlings Stürme" dürfte genug Anknüpfungspunkte für jugendliche Zuschauer bieten. Auch, weil sie düstere Konsequenzen wie Abtreibung und Selbstmord zwar thematisiert, aber nicht plakativ durchspielt. Pädagogisches Theater also? Nein, einfach Theater. Auf der Bühne Dinge verhandeln, die von Bedeutung waren, sind und sein werden - darum geht es.

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