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Rotlicht-Prozess : Prostituierte schwer verletzt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Prozess wegen Mordversuchs mit zwei Angeklagten aus Köln

svz.de von
erstellt am 24.Apr.2014 | 20:16 Uhr

„Ich hatte nie Angst“, sagt Tamara*. Und das glaubt man ihr sofort. Gut 1,80 Meter groß, stattliche Figur – so sitzt sie neben ihrer Anwältin auf dem Zeugenstuhl im großen Saal des Rostocker Landgerichts. Die attraktive 40-Jährige geht dem ältesten Gewerbe der Welt nach. Eine Art moderne „Wanderhure“, die bis heute in nicht viel mehr als hohen Lederstiefeln auf ihrer Internetseite einen vielfältigen und deutschlandweiten Service anbietet. Mit genauer Terminvorschau, in welcher Stadt sie wann im nächsten halben Jahr zu finden ist. An dem Tag, als die Angst in ihr Leben kam, arbeitete die gebürtige Kroatin in einer sogenannten Modelwohnung in der Rostocker Kröpeliner-Tor-Vorstadt. „Ich wollte nicht sterben. Ich habe doch ein Kind“, sagt die Frau und weint, als der Vorsitzende Richter Peter Goebels behutsam weiter fragt nach Details aus jener Nacht im vorigen Oktober. Eine Nacht, die sie beinahe nicht überlebt hätte – und nach der nun ein 38-jähriger Mann aus Köln wegen versuchten Mordes auf der Anklagebank landet. 18 Mal soll er auf Tamaras Körper eingestochen haben, laut Anklage wohl aus Rache, weil sie ihm 10 000 Euro für Drogen schuldet. Seinem mutmaßlichen Komplizen wird gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Der 45-Jährige soll sich als Freier ausgegeben und dem Messerstecher die Tür geöffnet haben.

„Wut und Hass“, sagt die Zeugin, habe sie in den Augen des Täters gesehen. Mit aufgeschlitztem Bauch hatte sie sich aus der Wohnung auf die Straße retten können, wo mitfühlende Seelen den Notarzt riefen. Einer Notoperation im Krankenhaus verdankt sie ihr Leben. Die beiden Männer flohen noch in der Nacht zurück nach Köln.

Der Hauptangeklagte sei ein langjähriger Bekannter von ihr. „Dich habe ich erkannt“, sagt sie leise und schaut den Mann an, der zwischen zwei Verteidigern und einer Dolmetscherin für kurdische Sprache sitzt. Der 38-Jährige, der gut zwei Wochen nach der Tat geschnappt wurde, schüttelt schweigend den Kopf. Er will nicht aussagen in diesem Prozess. Ihre Mandantin fürchte sich vor ihm, hatte Anwältin Eva Kuhn vor Tamaras Zeugenaussage erklärt. Tamara - Opfer, wichtigste Zeugin und Nebenklägerin in einer Person - hat einen männlichen Beschützer zum Prozess mitgebracht. Ihren Lebensgefährten, wie sie sagt. Der wartet vor der Tür, weil ihn der Richter darum gebeten hatte. Damit die Emotionen nicht wieder hoch kochen wie schon bei einer ungeplanten Begegnung mit dem Angeklagten zuvor auf dem Gerichtsflur.

Der 45-jährige Angeklagte hatte gestern zu Beginn des zweiten Prozesstages ein Geständnis abgelegt. Er habe nicht gewusst, dass der Jüngere auf die Frau einstechen wollte, sagt der türkisch stämmige Familienvater. Er habe ihn zwar von Köln nach Rostock gefahren und sich als Freier ausgegeben, ihm jedoch nicht die Tür geöffnet, versichert er. Tamara aber sagt, der falsche Freier sei nach einem Anruf kurz im Nebenzimmer verschwunden. Dann habe auch schon ihr Drogenlieferant im Schummerlicht am Bett gestanden. Der Ältere habe sie am Mittag angerufen und den Termin für die Nacht vereinbart, 300 Euro sollten die beiden Stunden kosten. Dafür sei sie auch bereits gewesen, sich die erotischen Handschellen anzulegen, die der Gast mitbrachte. „Entschuldige, das habe ich nicht gewusst“, habe er ihr erschrocken zugerufen, als der Jüngere auf sie einstach. Der Prozess wird heute mit weiteren Zeugen fortgesetzt.

*Name geändert

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