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Ausstellung in Peenemünde : Privilegierte Lager?

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ausstellung über Kriegsgefangene in Peenemünde. Dabei geht es auch um waghalsige Fluchtversuche

svz.de von
erstellt am 31.Mär.2017 | 11:45 Uhr

Eine Ausstellung im Historisch-Technischen Museum Peenemünde (HTM) dokumentiert von Donnerstag an die Behandlung westalliierter und osteuropäischer Kriegsgefangener in deutschen Lagern während des Zweiten Weltkrieges. Unter dem Titel „Privilegierte Lager?“ beleuchtet die Schau anhand von Bild-Text-Tafeln und originalen Objekten die Hintergründe der Kriegsgefangenschaft. Erarbeitet wurde sie vom Militärhistorischen Museum in Berlin-Gatow und ist bis Mitte August in Peenemünde zu sehen.

Nach Angaben des Museums kamen von 230 000 westalliierten Kriegsgefangenen etwa 2100 in deutschen Kriegsgefangenenlagern ums Leben. Von den 5,7 Millionen Rotarmisten starben 3,3 Millionen in deutscher Gefangenschaft. Ursache für die Ungleichbehandlung war der rassistische Grundcharakter des Nationalsozialismus, sagte der wissenschaftliche Leiter des Museums Peenemünde, Phi-lipp Aumann.

Während Westalliierte in der Regel nach den Grundsätzen der Genfer Kriegsgefangenen-Konvention behandelt wurden, galt diese Regelung für sowjetische, slawische und jüdische Kriegsgefangene nicht. „Der Massenmord an Kriegsgefangenen aus Osteuropa ging in den Kriegsgefangenenlagern de facto weiter“, sagte Aumann. Sie mussten in der Regel hungern, seien vielfach zur Arbeit gezwungen worden. Britische und amerikanische Gefangene klagten hingegen über beengte Unterbringung, eintönige Verpflegung, Heimweh und Langeweile. Das Bild änderte sich für westalliierte Kriegsgefangene gegen Ende des Krieges, wie Aumann sagte.

Das NS-Regime habe ab 1944 in Ausführung des so genannten Kugelerlasses bei Fluchtversuchen zu drastischen Maßnahmen gegriffen und Flüchtende hingerichtet. Von 76 Kriegsgefangenen, die beim Massenausbruch aus dem Kriegsgefangenenlager Sagan im März 1944 geflohen waren, wurden 50 hingerichtet. Der Ausbruch ging als „Great Escape“ in die Geschichte ein und wurde 1962 unter dem Titel „Gesprengte Ketten“ verfilmt.

Die Ausstellung stellt Einzelschicksale sowjetischer und westalliierter Kriegsgefangener gegenüber. Über die Biografie des sowjetischen Kriegsgefangenen Michail Dewjatajew schafft die Schau auch einen direkten Bezug zu Peenemünde, wie Aumann sagte. Dewjatajew wurde nach einem misslungenen Fluchtversuch aus dem Gefangenenlager Karlshagen in ein KZ-Außenlager verlegt und musste dort unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten. Anfang 1945 gelang ihm und neun weiteren Häftlingen die Flucht aus Peenemünde, indem sie ein Flugzeug kaperten. Die Ausstellung erinnert auch an diesen Einzelfall. Dewjatajew wäre am 8. Juli 2017 hundert Jahre alt geworden.

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