Pressefest 2018 : Schwerin verwandelte sich in Festhochburg

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Der langjährige SVZ-Fotograf Ernst Höhne hat die einst populären Pressefeste mit Linse und Herz festgehalten

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22. Januar 2018, 05:00 Uhr

Das war ein Spektakel. Unvorstellbar. Als würden zwei Horden Wanderameisen auf enger Spur aufeinandertreffen. So viele Menschen auf einmal hat Ernst Höhne nie wieder am Schweriner Schloss gesehen. Auch nicht auf der gut besuchten Bundesgartenschau 2009. Es geschah auf einem SVZ-Pressefest Anfang der 1950er-Jahre. Die ganze Stadt war auf den Beinen. Drei Tage lang. Alles war mit Bühnen übersät, auf denen getanzt und gesungen wurde. „Dieses Volksfest ließ sich niemand entgehen“, erinnert sich Ernst Höhne, der sich damals als SVZ-Fotograf ins Getümmel stürzte. „Hunderttausende Menschen spazierten durch die Stadt. Dabei wäre es beinahe zu einer Katastrophe gekommen. Als nämlich eine Veranstaltung am Alten Garten zu Ende ging, setzte sich die Masse Richtung Freilichtbühne in Bewegung. Dort jedoch war ebenfalls gerade eine Vorführung vorbei. Also machten sich die Zuschauer auf den Weg zum Alten Garten. Beide Seiten trafen auf der kleinen Schlossdrehbrücke aufeinander. Es wurde dramatisch eng. Panik kam auf. Manche sprangen verzweifelt ins Wasser.“

Doch alles ging gut aus. Das Volksfest lief weiter. Nichts konnte die Stimmung trüben. Und Ernst Höhne mittendrin. An seiner Seite seine Frau Rita und die Kinder. „Es war der Höhepunkt des Jahres“, schwärmt Rita Höhne heute, während ihr Mann ein paar alte, vergilbte Fotos von damals aus einem Ordner fischt. „Zu Hause blieb alles stehen und liegen. Man verabredete sich mit Freunden und spazierte den ganzen Tag durch die Stadt. Es war toll. Im Schlossgarten reihten sich die bunten Picknickdecken aneinander. Selbst die kulinarische Versorgung war gut. Neben Erbseneintopf aus der Gulaschkanone gab es sogar frisches Obst und Südfrüchte.“

Die schwere Kamera um den Hals, bahnt sich Ernst Höhne seinen Weg durch die Massen. Probleme mit den Sicherheitskräften, die beim Pressefest immer dazugehören, hat er nicht. Schwerin ist klein. Man kennt sich. Der quirlige junge Mann fotografiert Sänger und Tänzer, Hochseil-Artisten und Boxwettkämpfe, die Militärshow am Marstall, den Fanfarenzug aus dem Plastewerk, das Theodor-Körner-Ensemble, Petermännchen und das Abschlussfeuerwerk. „Es gab sogar einen Schriftstellerbasar, auf dem Bücher signiert und verkauft wurden“, erinnert sich der Fotograf. „Alle machten mit, selbst die kleinsten Vereine. In der Markthalle befand sich ein Pressezentrum, in dem SVZ-Redakteure Kaffee ausschenkten und zeigten, wie die Zeitung hergestellt wird.“

Pressefeststimmung im Schweriner Schlossgarten
Fotos: Ernst Höhne/ Archiv
Pressefeststimmung im Schweriner Schlossgarten
 

Ernst Höhne selbst blieb dieser Zeitung 45 Jahre treu. 1995 ging der stets freundlich und bescheiden auftretende Mann schweren Herzens in den Ruhestand. Vermisst von den Kollegen. Bis heute sind alle, die ihn kennen, voll des Lobes.

Seine erste Kamera hielt Ernst Höhne übrigens schon als Schüler in der Hand. Er hatte sie gegen sein Fahrrad eingetauscht. So war es kein Wunder, dass er nach seiner Lehre als Chemiegraf bei der Landeszeitung, später SVZ, als Fotograf seine Berufung fand. Anfangs war er noch alleine unterwegs, auch auf den Pressefesten, von denen das erste 1954 auf die Beine gestellt wurde. Damals noch von den Zeitungsleuten selbst. Sie packten bei der Technik und beim Bühnenaufbau mit an. „Mit Feldtelefonen hielten wir Kontakt zum Pressefestbüro“, erinnert sich Ernst Höhne, der damals nach getaner Arbeit in die Dunkelkammer eilte, um seine Fotos zu entwickeln. „Anfangs gab es sogar noch Rundflüge. Von Pinnow aus starteten zwei Doppeldecker-Flugzeuge im Viertelstunden-Takt.“ Auch Ernst Höhne lässt sich das nicht entgehen. Von oben erkennt er erst, wie wahnsinnig viele Menschen gekommen sind. Sie alle tragen eine Eintritts-Plakette aus Papier oder Pappe bei sich, die sie für eine Mark erworben haben. Jede Plakette hat eine Losnummer. Wie viele mögen sich damals nach dem Hauptgewinn gesehnt haben? Es war ein Trabant, der für alle sichtbar aufgestellt wurde.

Es sind Erinnerungen, die die Höhnes mit vielen Schwerinern teilen. Die sich jedoch nirgendwo nachlesen lassen. Wer im Internet die Wörter Schwerin und SVZ-Pressefest eingibt, wird enttäuscht. Nichts findet sich. Als hätte es die Höhepunkte des Jahres nie gegeben. Das ist auch Ernst Höhne aufgefallen. Neugierig hat er gegoogelt – und nichts gefunden über die mehr als 30 Pressefeste, an die sich der Schweriner Fotograf erinnern kann. Nur einmal sei das beliebte Volksfest ins Wasser gefallen – wegen der Maul- und Klauenseuche. Und in den 1960er-Jahren seien die Besucherzahlen leicht zurückgegangen. Wohl wegen des Fernsehens. Die Leute blieben zu Hause.

In späteren Jahren wird das SVZ-Pressefest, wie viele Pressefeste in anderen Städten auch, zentral organisiert. Von Berlin aus kommt das Hauptprogramm und die Künstler. Der Vorteil ist, dass nun auch angesagte Größen in Schwerin gastieren. Als Bärbel Wachholz auftritt, zittern Ernst Höhne vor Aufregung die Hände. Er darf eine der beliebtesten Schlagersängerinnen der DDR fotografieren.

In der Umbruchszeit zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung ist es mit den SVZ-Pressefesten schlagartig vorbei. Ernst Höhne kann sich noch gut an das letzte erinnern. „Es war Mitte September 1990. Damals fand auf der Schweriner Freilichtbühne die erste und letzte Wahl zur ,Miss DDR‘ statt.“ Die Brandenburgerin Leticia Koffke holt sich die Krone. Ende 1990 gewinnt sie die Wahl zur Miss Germany.

Und heute? Vermisst Ernst Höhne die Pressefeste? Der 84-Jährige nickt. Bedauert, dass es keine mehr gibt. „So ein Volksfest schweißt die Menschen zusammen. Macht sie stolz auf ihre Stadt.“ Frau Rita stimmt lebhaft zu: „Das hat man doch bei der Buga 2009 gesehen, wie schön das war. Wie fröhlich die Menschen in ihrer Stadt unterwegs waren.“
 

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