Nach Antiterroreinsatz : „Prepper“ unter der Lupe

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Harmlose Hamsterer oder gefährlich? Sicherheitsbehörden sollen Überlebenskünstler-Szene ausleuchten

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14. September 2017, 21:00 Uhr

Wenn der Tag X kommen sollte, ist Marko G. gewappnet. Er hat Notvorräte angelegt. In einem Nebengelass seines Hauses stapeln sich Pappkartons mit Hygieneartikeln und Konserven. Wasserkanister aus Plastik stehen bereit. Auch einen Gaskocher hat sich G. zugelegt. Zur Überlebensausrüstung gehört auch hochprozentiger Schnaps – als Tauschware.

Der Polizist aus einem Dorf bei Schwerin gehört einer sogenannten Preppergruppe im Nordosten an, deren Mitglieder sich akribisch auf Krisenszenarien wie Umweltkatastrophen, Stromausfälle oder den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung vorbereiten – dem besagten Tag X.

Die rund 30 Mitglieder starke Gruppe mit dem Namen „Nordkreuz“ hat sich 2016 gegründet und agierte weitgehend unbehelligt. Doch nun haben die Versorgungsprofis das Interesse der Sicherheitsbehörden auf höchster Ebene geweckt. Innenminister Lorenz Caffier (CDU) will die „Prepper“-Szene landesweit unter die Lupe nehmen lassen. Er verfügte gestern die Einsetzung einer Kommission, die unter Leitung vom Inspekteur der Landespolizei, Wilfried Kapischke, ein detailliertes Bild über die „Prepper“ in MV erstellen soll. „Wir wollen in die Tiefe schauen und rausfinden was die Anhänger überhaupt machen und ob das alles rechtsstaatlich vertretbar ist“, erklärte ein Sprecher des Innenministeriums.

Dass sich die Behörden auf einmal ganz gezielt für die Überlebenskünstler interessieren, hängt mit dem Antiterroreinsatz vor knapp zwei Wochen zusammen. Sicherheitskräfte hatten Wohnungen und Büros von sechs „Preppern“ der „Nordkreuz“-Gruppe durchsucht. Zwei von ihnen wird die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat vorgeworfen. Ein Rechtsanwalt aus Rostock und ein Polizist aus Grabow sollen Listen mit Personen aus dem linken politischen Spektrum aufgelistet haben, die sie im Krisenfall umbringen würden. Bislang gibt es aber keine Erkenntnisse über eine unmittelbare Gefahr.

Der Beamte G. wird in dem Ermittlungsverfahren von Bundeskriminalamt und Bundesanwaltschaft als Zeuge geführt. Er kennt die beiden Beschuldigten. Zu der Gruppe gehörten laut G. aber auch Ärzte, Bankangestellte und Handwerker. In einem Internet-Chat hätten sie sich über die Beschaffung von Vorräten, zur Aufbereitung von Trinkwasser und über aktuelle politische Ereignisse ausgetauscht.

Es gab gemeinsame Treffen. Bestärkt in ihrem Treiben fühlten sich die Mitglieder offenbar auch durch Empfehlungen des Innenministers Thomas de Maizière (CDU), der im August 2016 die Bürger dazu aufrief, sich für einen möglichen Krisenfall vorsorglich für einige Tage mit Lebensmitteln und Trinkwasser einzudecken. Dahinter steckte die Sorge, dass Angreifer wichtige Einrichtungen zur Versorgung mit Wasser, Energie oder Telekommunikation beschädigen oder zerstören könnten. Doch wie weit darf die Vorsorge gehen? „Kritisch wird es, wenn die Anhänger sich mit legal beschafften Waffen eindecken wollen, um sich gegen vermeintliche Gegner zu verteidigen“, erklärt der Sprecher des Innenministeriums. Bedenklich ist aus Sicht des SPD-Abgeordneten Manfred Dachner auch, dass bei den „Preppern“ in MV zwei Polizisten mitmischen. „Sie haben einen Eid geschworen, die Bürger und die Demokratie zu schützen. Wenn sich Beamte stattdessen aber auf den Untergang der gesellschaftlichen Ordnung einstellen, dann ist das ein fatales Signal“, sagt der ehemalige Leiter einer Polizeidirektion. Es müsse geprüft werden, ob „Prepper“ im Staatsdienst ihre Amtspflichten gewissenhaft erfüllen. Auch seine Parteikollegin Martina Tegtmeier sieht Handlungsbedarf. Es sei zu klären, welche politischen Organisationen oder Parteien der „Prepper“-Szene nahestehen oder ihr sogar angehören. „Ich fürchte, wir haben seit den Durchsuchungen noch nicht mal die Spitze des Eisbergs gesehen“, sagt Tegtmeier.

Der Trend kommt aus den USA

Bisher ist über die „Prepper“ (von engl. prepare – vorbereiten) nicht viel mehr bekannt, als dass das Spektrum sehr weit reicht, heißt es  aus dem Innenministerium in MV. Das Spektrum reiche  von Personen, die sich mit Vorräten auf Unwetter vorbereiten, bis hin zu Menschen, die den Untergang der Zivilisation befürchten und sich gegebenenfalls mit Waffen schützen wollen (Doomer).
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