Milchgeld : Preisverfall im Kuhstall

Stecken in der Krise: 182 500 Milchkühe halten die Bauern in MV. Der Verkauf der Milch bringt derzeit nur Verluste ein.
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Stecken in der Krise: 182 500 Milchkühe halten die Bauern in MV. Der Verkauf der Milch bringt derzeit nur Verluste ein.

Je Liter zahlen Molkereien nur noch weniger als 30 Cent: Milchbauern rutschen in die roten Zahlen

svz.de von
27. Dezember 2014, 16:00 Uhr

Preissenkungen für Verbraucher, Millionenausfälle für Bauern: Ein Überangebot an Milch hat das Milchgeld auf Talfahrt und die Landwirte in MV in die Verlustzone geschickt. Die ersten Molkereien im Land würden den Bauern inzwischen weniger als 30 Cent für einen Liter Milch bezahlen, kritisierte Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) die neue Billigpreisrunde: „Damit ist Milch nicht mehr kostendeckend zu produzieren.“

Nach der Billigrunde bei Aldi und Co. seien „die Preise im freien Fall“, erklärte Helge Dieckmann, Chef der Agrargenossenschaft Brunow im Landkreis Ludwigslust-Parchim und Aufsichtsrat der Norddeutschen Milcherzeugergemeinschaft (NordMeg): „Das schlägt auf das Milchgeld durch und führt zu erheblichen Verlusten in den Unternehmen.“ Nach Marktführer Aldi hatte der Handel im November die Preise für Frischmilch aber auch für Butter und Käse auf breiter Front gesenkt. Die Folgen: Die Milchproduktion ist auf den Bauernhöfen in die roten Zahlen gerutscht. Einige Molkereien zahlten derzeit nur noch 27,5 Cent, sagte Dieckmann: „Damit kann man nicht mehr auskömmlich Milch produzieren.“ Um alle Kosten zu decken seien mindestens 42 Cent je Liter Milch notwendig. Die werden die Bauern so schnell nicht erhalten: Ein Ende der Talfahrt sei nicht abzuschätzen, meinte der NordMeg-Aufsichtsrat. Mitte des Jahres werde mit einem Milchpreis von nur noch 25 Cent oder schlechter gerechnet.

Die neue Milchkrise geht an die Substanz: In der Branche wird damit gerechnet, dass eine Reihe von Milchhöfen die neuerliche Krise kaum überstehen werden. Gerade erst habe sein Unternehmen die Auswirkungen der letzten Krise auf dem Milchmarkt im Jahr 2009 überwunden, erklärt der Chef der Agrargenossenschaft Brunow. Damals war der Preis auf einen Tiefstand gefallen – zeitweise auf nur noch knapp über 20 Cent. Viele Bauern streikten und lieferten keine Milch mehr an die Molkereien. Bis zum vergangenen Jahr habe er für einen Überbrückungsdarlehen zahlen müssen, das der Betrieb wegen des gesunkenen Milchpreises habe aufnehmen müssen, erklärte Dieckmann. 450 Milchkühe habe er im Stall stehen. Mit jedem Cent, den das Milchgeld sinke, gehen der Genossenschaft im Jahr 45 000 Euro verloren. „Alle Vorzeichen deuten darauf hin, dass es wieder so schlimm wird wie 2009“, so Dieckmann. Mit dem für Ende März 2015 angekündigten Ende der Milchquote wollten viele Bauern zusätzlich Milch liefern. Viele stünden unter Druck und glaubten mit mehr Menge die Einnahmen halten zu können. Doch zusätzliche Milch auf dem Markt werde die Preise noch weiter fallen lassen und die Situation verschärfen.

Aufgeben will Dieckmann dennoch nicht: Von der Milchproduktion würden zahlreiche Arbeitsplätze abhängen, meinte er. 37 Mitarbeiter seien in der Brunower Genossenschaft beschäftigt – der größte Arbeitgeber in der Region. Mit dem Ende der Milchproduktion würde jeder zweite Mitarbeiter seinen Job verlieren. „Wir haben eine Verantwortung für die Region“, so Dieckmann. Neben Kostensenkungen hoffe er mit Einnahmen beispielsweise aus der Pflanzenproduktion oder der Biogasanlage die Verluste im Kuhstall ausgleichen zu können.

Der NordMeg-Aufsichtsrat forderte seine Berufskollegen auf, herkömmliche Vermarktungsstrukturen zu ändern. Statt sich wie bisher durch eine Mitgliedschaft in einer Molkereigenossenschaft in Abhängigkeit zu bringen, sollten die Landwirte sich in Erzeugergemeinschaften zusammenschließen und selbst aktiv ihre Milch am Markt anbieten. In der Vermarktungsorganisation NordMeg hätten sich beispielsweise sieben Erzeugergemeinschaften aus MV und Niedersachsen vereint, die ihre Milch gemeinsam an den Markt bringen würden.

„Wir haben ein Strukturproblem.“ Trotz immer größer werdenden Molkereien habe es die Branche mit den bisherigen Vermarktungsstrukturen nicht geschafft, sich im Handel durchzusetzen: „Das ist beängstigend“, sagte Dieckmann. Er forderte die Milchbauern auf, statt einem Überangebot künftig nur noch so viel Milch zu produzieren, wie sie vertraglich abgesichert auch abzusetzen sei: „VW produziert auch keine Autos auf Halde“, meinte der NordMeg-Manager.

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