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Studenten machen Schule in Greifswald : Praxisschock oder Motivation?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In einer Schule bei Greifswald haben Lehramts-Studenten in einem landesweit einmaligen Projekt die Regie übernommen

svz.de von
erstellt am 18.Mai.2016 | 21:00 Uhr

Nur kurz nimmt Schuldirektor Vincent Neumann hinter seinem Schreibtisch Platz, dann treibt es den jungen Mann bereits wieder auf den Schulflur, mit dem Plan zur Pausenaufsicht in der Hand. Schuldirektor Neumann ist 24 Jahre alt und Lehramts-Student im 12. Semester. Nicht nur das Sakko, mit dem sich der Student heute „aufgerüstet“ hat, erweckt den Eindruck der Seriosität. „Wir spielen nicht Schule. Das ist hier eine ernste Aufgabe“, erklärt er mit Nachdruck.

Gestern übernahmen in der Regionalschule „Am Bodden“ in Neuenkirchen bei Greifswald Lehramtsstudenten der Universität Greifswald die Regie. Dazu haben sie das 20-köpfige Lehrerteam zur Weiterbildung an die Universität verbannt. Von der Unterrichtsplanung über die Schulleitung bis zur Essen- und Pausenaufsicht machen sie für drei Tage all jene Jobs an der Schule, die später auf sie zukommen werden.

„Schule machen“ ist ein für Mecklenburg-Vorpommern bislang einmaliges Projekt. Es soll einen praxisnahen Einblick in die komplexen Anforderungen des Schulalltags vermitteln, erklärt Projektleiterin Sabine Schweder vom Lehrstuhl für Schulpädagogik an der Uni Greifswald. In 16 Seminaren haben sich die angehenden Lehrer auf die drei Tage Praxistest vorbereitet.

Um es vorwegzunehmen: Die Schüler steigen nicht über Tische und Bänke, die Lernatmosphäre wirkt konzentriert, die Arbeitsatmosphäre strukturiert. Einige wesentliche Unterschiede gibt es dennoch: Das Lehrerteam ist mit Mitte 20 deutlich jünger. Die Türen zu den Klassenzimmern bleiben in den Stunden geöffnet. Aus den Räumen dringt leises, angeregtes Gemurmel auf den Flur, dennoch arbeitet jede Klasse fokussiert an seinem Thema. Bewusst knüpfen die Junglehrer nicht an die letzte Unterrichtsstunde an, sondern wenden neue Lernformen an.

In den Klassenzimmern haben die Studierenden die Schulbänke zu einem „U“ umgestellt, an der die Schüler mit dem Rücken zur Tafel sitzen. „Die Raumordnung unterstützt das Konzept des selbstbestimmten und forschenden Lernens“, sagte Projektleiterin Schweder. Die Lehrer können somit von vorn an die Schüler herantreten.

Die Schüler selbst haben einen größeren Eigenbereich, um an ihrem Forschungsthema zu arbeiten. Eric und Oliver (beide 10) haben sich das Thema „Wildtiere“ ausgesucht, zu dem sie Fragen entwickeln und dann gemeinsam die Antworten recherchieren. Die Lehrer geben den Kindern Tipps. Frontal geht es hier nur zu, wenn neue Arbeitsanweisungen gegeben werden.

Katharina Bäker, Lehramts-Studentin für die Fächer Deutsch und Englisch, findet das Projekt super. Ein solcher Alltagstest sei wie geschaffen, um für sich festzustellen, ob man für den Lehrerberuf geeignet sei. In den drei Tagen begegnen den Lehramtsstudenten keine echten Lehrer, die eventuell naserümpfend, kopfschüttelnd oder mitleidig schulterklopfend neben den angehenden Kollegen stehen. „Die Studierenden können mit geradem Kreuz durch die Schule laufen“, sagt Schweder. Katharina Bäker und auch „Schuldirektor“ Vincent Neumann wünschen sich einen früheren Praxisbezug in der Ausbildung. Die ersten schulpraktischen Übungen gibt es bislang erst nach dem 4. Semester.

Derweil brütet das echte Lehrerteam der Schule Neuenkirchen in einem Seminar an der Universität. Schuldirektor Bernd Leu verrät, dass es ihn am Morgen schon in die Schule gedrängt habe, dennoch habe er darauf verzichtet. „Die schaffen das schon“, sagt er über seine zukünftigen Kollegen. Mecklenburg-Vorpommern brauche gute und motivierte Lehrer. Das Projekt biete einen guten Praxisbezug und werde von der gesamten Lehrerschaft mitgetragen. Im Notfall gibt es Ansprechpartner vor Ort. Sekretärin, Hausmeister und Schulsozialarbeiterin bleiben die drei Tage in der Schule. Für die Lehrer erwarte er einen pädagogisch-didaktischen Innovationsschub. „Die Rückkopplung am Montag mit den Schülern wird spannend“, sagte er.

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