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Engagierte Lehrerin : Präsident ehrt Doris Hildebrandt

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Projektfahrten führten Schweriner Schüler an Schauplätze der vergangenen Weltkriege. Das Erlebte zu verarbeiten, war stets ein Hauptteil der Arbeit. Erdacht hat dieses Projekt die Lehrerin Doris Hildebrandt.

svz.de von
erstellt am 08.Jan.2012 | 10:08 Uhr

Schwerin | "Eine Schulstunde kann viel vermitteln, doch das, was man selbst erlebt und verinnerlicht hat, bleibt tiefer und länger erhalten", sagt Julia. Die Schülerin ist eine von fast 250 am Pädagogium, die in den vergangenen zwölf Jahren an Bildungsreisen im Projekt "Arbeit für den Frieden und gegen Gewalt" teilgenommen hat. Julia war zweimal dabei. Delia ist sogar dreimal dabei gewesen und sieht diese Fahrten als "wichtigen Teil meiner Schulzeit", sagt sie. "Ich habe Geschichte hautnah erlebt."

Die Projektfahrten führten die Schüler des Pädagogiums an Originalschauplätze der vergangenen Weltkriege, auf Soldatenfriedhöfe, die sie pflegten, in Jugendbegegnungsstätten und zu unzähligen Gesprächen mit jungen Leuten aus Deutschland, Belgien, Frankreich, Italien, Griechenland, Norwegen, Schweden, Polen und Tschechien. Das Erlebte zu verarbeiten, war stets ein Hauptteil der Arbeit der vergangenen Wochen, berichten die Schüler - für sich persönlich, aber auch für die jeweilige Präsentation vor Eltern und Unterstützern der Projektfahrt. "Die vielen Eindrücke haben den Blickwinkel für diesen Teil der Geschichte verändert", sagt Marie-Theres.

Erdacht hat dieses Projekt unter dem Thema "Arbeit für den Frieden" 1999 die Lehrerin Doris Hildebrandt. "Die Schüler sollten ihr Ohr auf die Schiene der Geschichte legen", erklärt die heute 62-jährige Pädagogin ihre Projektidee. Es klingt ganz einfach. Doch dahinter steckt vor allem eines: viel Arbeit. Dieses persönliche Engagement wird jetzt durch Bundespräsident Christian Wulff gewürdigt. "Ihr Verdienst ist es, dass die Schüler seit mehreren Jahren Demokratie lernen und leben." So wird es offiziell klingen, wenn Doris Hildebrandt am 12. Januar im Berliner Schloss Bellevue dem Bundespräsidenten und seiner Frau beim traditionellen Neujahrsempfang vorgestellt wird.

Richtig angenehm ist das Doris Hildebrandt heute noch nicht. "Das Projekt hat doch nur durch die Schüler funktioniert. Die sind die Akteure. Doch nicht ich", sagt die Lehrerin für Sozialkunde, Sport und Deutsch an der Europaschule Pädagogium. Die Gemeinschaft habe immer im Vordergrund gestanden - im Kleinen, wenn beispielsweise in den Begegnungsstätten gekocht wurde, aber auch im Großen, wenn sich verschiedene Generationen begegneten, auf Soldatenfriedhöfen oder in Zeitzeugengesprächen mit den Schülern. Wie aktuell sie diese Arbeit sieht, erklärt Doris Hildebrandt mit einem Beispiel: "Wir haben auf den Soldatenfriedhöfen gemeinsam mit den Jugendlichen Parallelen ziehen können zwischen den geblendeten 18- und 19-Jährigen, die in die Kriege gezogen sind und ihr Leben gelassen haben, und den Amokläufern, die auch heute noch weltweit Unschuldige töten und sich dann selbst richten."

Ohnehin hat das aktuelle Zeitgeschehen immer die Projektarbeit an der Europaschule beeinflusst. Als die Jugendlichen während ihrer Bildungsreise zum Soldatenfriedhof Sandweiler in Luxemburg im September 2001 vom Terroranschlag in New York erfuhren, legten sie auf dem amerikanischen Soldatenfriedhof ein Gebinde nieder und gedachten in einer Schweigeminute der Opfer vom 11. September. "Unser Projekt stand nun vor neuen Ereignissen, die nicht mit der Vergangenheit, sondern mit der Gegenwart des neuen Krieges - des Terrors - konfrontiert wurden", erinnert sich Doris Hildebrandt. "Wieder zurück von der dritten Projektfahrt war es uns allen ein besonderes Bedürfnis, die Präsentation so zu gestalten, dass unser Bemühen nach Frieden auf der Welt noch konsequenter und zielstrebiger verwirklicht wird." Die Schüler unterstrichen nochmals den Inhalt der Projektfahrten und seit der vierten Reise im Jahr 2002 stehen sie unter dem erweiterten Titel "Arbeit für den Frieden und gegen Gewalt".

Zwei der Projektfahrten führten die Schüler des Pädagogiums unter anderem auch nach Rom. Bei der ersten Generalaudienz des Papstes erlebten sie 2004 Johannes Paul II., drei Jahre später nahmen sie an der Audienz von Benedikt XVI. teil. "Wir hatten die Festschrift des Schweriner Schlosses dabei und wollten sie segnen lassen", berichtet Doris Hildebrandt. Zwei Schülerinnen der damaligen 11. Klasse, Anne und Anne, haben das im VIP-Bereich des Petersdomes übernommen. Das gesegnete Buch versteigerten die Schüler wieder zurück in Schwerin zu Gunsten der Kinderkrebsstation des Klinikums. 5500 Euro konnten die Jugendlichen letztlich dem Förderverein übergeben.

2009 haben die Mädchen und Jungen des Pädagogiums vor ihrer Fahrt zum deutschen Soldatenfriedhof auf dem Futa-Pass in Süditalien über die SVZ den Schwerinern angeboten, dort bestatteten Angehörigen im Namen der Familien ein Gebinde oder einen Kranz niederzulegen. Fünf Soldaten konnten sie so vor Ort am Futa-Pass nochmals die letzte, sehr persönliche Ehre erweisen. "Für diese Gruppe war das ein besonders prägendes Erlebnis", erinnert sich Doris Hildebrandt. "Die getöteten Soldaten bekamen plötzlich einen greifbaren persönlichen Rahmen."

Mit den Projektfahrten des Pädagogiums ist nun vorerst Schluss. "Wir hatten jetzt die Zwölfte. Zwölf Sterne zieren die Europaflagge. Zwölf ist die Zahl der Vollkommenheit - also ein würdiger Abschluss", sagt Doris Hildebrandt lächelnd. Doch die Projektfahrten werden nicht nur in den Erinnerungen der Schüler bleiben, sondern auch für nachfolgende Generationen an der Schule. Ein "Buch der Erinnerungen" nimmt Gestalt an. Fast 300 Seiten umfasst es. Die meisten der Wandtafeln, die in Bildern und Texten von den Reisen berichten, findet man schon nicht mehr im Pädagogium in der Marie-Curie-Straße. Sie sind jetzt in den internationalen Jugendbegegnungsstätten zu sehen, die Schülergruppen des Pädagogiums besucht haben - im belgischen Lommel, in Ysselstey (Niederlande), im französischen Niederbronn-les-Bains und auf dem Golm (Deutschland).

Als die Einladung des Bundespräsidialamtes im vergangenen Monat im Briefkasten lag, dachte Doris Hildebrandt angesichts des formellen Schreibens anfangs, sie müsse eine Strafe für zu schnelles Fahren bezahlen. "Ich hatte meine Brille nicht auf", erzählt sie lächelnd. Inzwischen freut sie sich doch schon auf die Fahrt nach Berlin, sagt sie, zu der sie von Tochter Jana (42) begleitet wird. Denn: Auch das wird sicher wieder ein neues Erlebnis für die engagierte Pädagogin.


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