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Mecklenburg-Vorpommern

17. Oktober 2017 | 20:47 Uhr

Überstunden-Alarme : Populismus mit Zahlen

vom
Aus der Onlineredaktion

Regelmäßig tönen Überstunden-Alarme durch Mecklenburg-Vorpommern. Was steckt dahinter?

svz.de von
erstellt am 05.Aug.2017 | 16:00 Uhr

Die Alarmsirenen tönen: Einen Berg von 130 000 Überstunden haben die Lehrer in Mecklenburg-Vorpommern im letzten Schuljahr angehäuft. Das geht aus der Antwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken Ende Juli hervor. Noch mal Alarm: Auch die Polizei leistete 97 163 Stunden Mehrarbeit im ersten Halbjahr 2016. Dies gab die Landesregierung auf Anfrage der AfD-Fraktion im Februar bekannt.

Große Zahlen, die auf den ersten Blick beeindrucken. Auffällig ist, dass die Parteien eine bestimmte Frage nicht stellen: Auf wie viele Lehrer oder Polizisten verteilen sich diese Überstunden? Zum Vergleich eine andere Statistik: Der durchschnittliche Deutsche trinkt 104 Liter Bier im Jahr. Klingt viel, trotzdem sind nicht alle Deutschen alkoholabhängig, denn die Zahl verteilt sich auf das ganze Jahr. Das sind zwei Liter pro Woche. Ohne die Jahresangabe wäre die Bier-Statistik irreführend.

Ein weiteres Beispiel: Eine Versicherungskauffrau verdiente etwa 32 700 Euro. Auch diese Zahl ist sinnlos, wenn man nicht den Zeitraum betrachtet, in dem diese Menge Geld verdient wurde: Im Monat sind es 2725 Euro. Björn Christensen ist Professor für Statistik und Mathematik an der Fachhochschule Kiel. Der Wissenschaftler schreibt die Kolumne „Angezählt“ über Statistik-Missbrauch auf „Spiegel-Online“. Er hat grundsätzlich ein Problem mit solchen Zahlenspielen: „Solange nur absolute Zahlen vorliegen, wie etwa die Überstunden, kann niemand etwas mit der Statistik anfangen. Erst eine Bezugsgröße, wie pro Kopf oder pro Zeitraum, gibt uns ein Gefühl für die Bedeutung der Daten.“

Linke und AfD dagegen verschwiegen, auf wie viele Menschen sich die Überstunden verteilen. Stattdessen wird dramatisiert. Simone Oldenburg von der Linken überspitzt die 130 000 Überstunden der Lehrer so: „Verteilt auf 40 Schulwochen entspricht dies der Arbeit von 120 Lehrkräften“, sagte die Fraktionsvorsitzende. Auch die AfD spielt die Empörungskarte. Sie nimmt sich Überstundenzahlen der Polizei vor: Die 97 163 Stunden Mehrarbeit entsprächen einem Umfang von rund 63 zusätzlichen Stellen. Der innenpolitische AfD-Sprecher Nikolaus Kramer, warf der Landesregierung sogar vor, die Polizei zu vernachlässigen.

Der Alarm verstummt dagegen, wenn die Überstunden ins Verhältnis gesetzt werden. Die Mehrarbeit der Polizei verteilt sich in MV auf ungefähr 5000 Stellen. Eine einfache Rechnung zeigt: 97 163 Überstunden bei 5000 Stellen bedeutet: Ein Polizist häufte 19,5 Überstunden in einem halben Jahr an. Ähnlich bei den Lehrern. Ein einzelner Lehrer arbeitete bei 130   000 Überstunden aller Lehrer etwa zwölf Stunden mehr pro Schuljahr. Dies sind Angaben, die arbeitende Menschen einordnen können. Dies bedeutet nicht, dass Lehrer und Polizisten keine Überstundenprobleme hätten. Der Überstunden-Alarm zeigt aber, wie Populismus funktioniert: Wichtige Details auslassen, damit scheinbar große Zahlen möglichst viel Empörung auslösen.

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