Zwischen Helden und Verrätern lag die Grenze

Der Held von damals auf einer Lesung von heute. In Berlin stellte Hans-Georg Aschenbach seine Biografie unter dem Titel: 'Euer Held. Euer Verräter.' vor.Kiesel
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Der Held von damals auf einer Lesung von heute. In Berlin stellte Hans-Georg Aschenbach seine Biografie unter dem Titel: "Euer Held. Euer Verräter." vor.Kiesel

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06. November 2012, 10:00 Uhr

Berlin | Die eigene Vergangenheit lässt sich nicht einfach abschütteln, diese Lektion hat Hans-Georg Aschenbach lernen müssen. Jener Hans-Georg Aschenbach, der in den 70er Jahren die Skisprungwelt dominierte, als Titel sammelnder Flugkünstler im Trikot der DDR die Konkurrenzfähigkeit des sozialistischen Staats- und Sportsystems demonstrierte, nach innen wie außen als Werbeikone vermarktet wurde. Bis, ja bis sich jener Vorzeigeheld entschloss, das Land zu verlassen, welches ihm vieles gewährt, noch mehr aber verwehrt hatte. Plötzlich war Aschenbach der Verräter, in vielen Köpfen ist er es heute noch.

Vor nicht allzu langer Zeit hat den in Freiburg praktizierenden Arzt diese Vergangenheit eingeholt. "Es war im Februar 2011, ich war auf einer Geschichtsmesse in Suhl als Gesprächspartner eingeladen", erinnert sich Aschenbach. Seit 20 Jahren war er nicht mehr in Suhl gewesen, einer Stadt rund 40 Kilometer entfernt von seinem Geburtsort Brotterode. Seiner "Heimat", wie er heute noch sagt. Viele hundert Menschen waren gekommen. Mindestens die Hälfte unter ihnen, um die eine Frage loszuwerden: "Warum hast Du uns verraten?"

Eine Frage, für die Aschenbach zwar eine Erklärung hat, die in zwei Sätzen aber nicht beantwortet ist. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Regina fasste er den Entschluss, seine Biografie schreiben zu lassen. In Berlin stellte Hans-Georg Aschenbach das Buch unter dem Titel: "Euer Held. Euer Verräter." vor, in der er Antwort auf die Frage gibt, die vielen ehemaligen DDR-Bürgern einfach nicht aus dem Kopf will.

Warum also als privilegierter Sportler, Oberstleutnant der NVA und damit "Elitebürger" ein Land verlassen, dessen Volk ihm zu Füßen liegt? Warum ein Regime bloßstellen, das nach vorgab, alles für seine Volkshelden, die "Diplomaten im Trainingsanzug" zu tun?

Angefangen hatte alles mit Aschenbachs Berufung auf eine der KJS - Kinder- und Jugendsportschulen. Jene Internate und Kaderschmieden also, die Aschenbach in seinem Buch als "Kinderkasernen" bezeichnet. Mit 12 Jahren gab der junge "Hansi" die familiäre Geborgenheit auf, opferte die Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit dem Streben nach sportlichem Erfolg. Selbstbeschreibungen wie "entwicklungsgeil, siegeswütig" oder einfach "erfolgsverliebt" prägen fortan die pubertäre Phase des jungen Mannes, der in seiner Kindheit als "Hansi mit dem Damenrad" nicht selten verlacht wurde, dafür aber durch "grenzenlosen Ehrgeiz" zu gefallen wusste. Menschlicher Kraftstoff, wie gemacht für die Verwertungslogik der DDR-Sportmaschinerie. Und der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. 1969 gewinnt Aschenbach den Junioren-EM Titel in Schweden, der Durchbruch und Auftakt einer großen Karriere. Vier WM Titel folgen, 1974 gewinnt er die Vierschanzentournee, 1976 gar Olympiagold in Innsbruck. Dazu lebt Aschenbach in Ehe mit zwei Kindern, ein sozialistischer Vorzeigeheld erster Güte. Einen Makel jedoch gibt es. Wer das Drehbuch seiner eigenen Geschichte wirklich schreibt, merkt Aschenbach ziemlich früh. Als "politische Spielbälle" bezeichnet er sich und seine Kontrahenten. Marionetten in den Händen einer Führung, der Westverwandtschaften oder Scheidungsabsichten genügten, um sämtliche Fäden fallen zu lassen. In seinem Buch vergleicht Aschenbach die eigene Situation gar mit der des Hauptdarstellers in Hollywoods "Truman Show".

Anders als Jim Carrey aber begehrt er nicht auf, zumindest noch nicht. "Ich lief wie auf Schienen, immer schön in der Spur." Doping, Überwachung, ständiger Druck, Aschenbach nahm das in Kauf. "Ich war gern ein Held", sagt er heute. Irgendwann aber kam die Weiche. "Das war der Moment, an dem du dich fragst: Was hält dich, was willst du?" Aschenbach nahm "den Schleier ab", floh aus dem "Goldenen Käfig". "Die Erkenntnis, nichts verändern zu können, geistig wie körperlich eingesperrt zu sein, hat den Ausschlag gegeben", erinnert sich Aschenbach. Mittlerweile 38 Jahre alt, hatte er Skier und Sprunganzug gegen den Arztkittel getauscht, wollte Sportmediziner sein. "Leider war ich aber eher Hallensanitäter und Dopingarzt. Oral-Turinabol, blaue Pillen, Vitamincocktails", Aschenbach verabreichte Sportlern jene leistungssteigernden Substanzen, die ihm selbst jahrelang wissentlich und unwissentlich zugeführt worden waren. Nicht nur deshalb geht er heute auch mit sich selbst ins Gericht: "Ich habe dem System gedient, war Teil des Systems, war das System. Das muss ich mir vorwerfen lassen."

Doch damit sollte Schluss sein, und die DDR rollte ihm dafür sogar den Teppich aus. Nach dem schwachen Abschneiden der DDR-Skiflug-Nationalmannschaft 1988 im kanadischen Calgary wurde der komplette Stab ausgewechselt, Aschenbach avancierte zum betreuenden Arzt der nationalen Equipe. Bei einem Mattenspringen in Hinterzarten nutzte er eine Unaufmerksamkeit seiner zahllosen Bewacher - seine Stasi-Akte umfasste allein rund 2000 Seiten - , floh am 27. August 1988 über Gießen und Frankfurt in die Bundesrepublik. Ein Wechsel zweier Staaten, der den Helden Aschenbach über Nacht zu einem freien Menschen und Verräter gleichzeitig werden ließ.

Und Verräter ist er für viele bis heute geblieben. In ihren Gedanken bleibt die Flucht des einstigen Helden Verrat an einer Idee, die sich zu diesem Zeitpunkt längst selbst verraten hatte. Doch auch wenn Aschenbach bei ihnen an einer Erklärung seiner Motive scheitert, eine Erklärung für die Denke seiner Kritiker hat er allemal: "Die Leute hatten keine Zeit sich ideologisch auseinanderzusetzen, sie sind noch im System verhaftet. Schließlich haben nicht sie sich vom System gelöst, das System hat sich von den Leuten gelöst." So gesehen steckt die Frage nach dem Warum tatsächlich im System gefangen. Einfach so ausbrechen wie er, das können einige scheinbar nicht mal gedanklich.

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