AfD-Demo Schwerin : Zwischen „besorgten Bürgern“

Auf dem Alten Garten: Die Demonstranten schwenken Fahnen, applaudieren den Rednern.
Auf dem Alten Garten: Die Demonstranten schwenken Fahnen, applaudieren den Rednern.

Mehr als 400 Teilnehmer protestieren mit der Partei „Alternative für Deutschland“. NPD-Mitglieder nutzen die Veranstaltung für sich.

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22. November 2015, 20:00 Uhr

Sonnabend. 13.35 Uhr. Die Sonne lässt sich zwischen den Wolken immer mal wieder sehen. Es sind vier Grad Celsius. In den Sand auf dem Alten Garten in Schwerin sind Symbole gemalt. Ein Kreis. In ihm der Eiffelturm. Darunter steht: „Refugees Welcome“. Vom Künstler sehe ich weit und breit nichts. 13.46 Uhr. Langsam füllt sich der Platz vor dem Staatlichen Museum. Mit mir sind mehr als 400 Männer und Frauen hier. Und das ist nicht einmal ein Viertel, der von der AfD angemeldeten Teilnehmerzahl. Sie laufen „über den Eiffelturm“. Wollen an der Demonstration der Alternative für Deutschland (AfD) teilnehmen.

Einige von ihnen tragen Fahnen: Französische. Deutsche. Flaggen vom Deutschen Widerstand des 20. Juli. Die Mecklenburger. Ein junger Mann, der eine schwarze Jogginghose, eine schwarz-weiß karierte Jacke, weiße Turnschuhe und ein weißes Deutschland-Basecap trägt, unterhält sich mit drei Freunden. Ich lausche ihrem Gespräch. Er hält einen Ableger der Reichsfahne hoch. Ein Ordner kommt. „Diese Fahne ist hier verboten“, mahnt er. Lächelt dabei. Er gehe noch einmal nachfragen und komme gleich wieder. Die vier Jungs schauen sich verwundert an. „Warum ist die verboten?“, fragt einer. Der Ordner kommt wieder. „Du musst die Fahne zusammenrollen“, sagt er. Der junge Mann folgt der Anweisung. „Warum?“, fragt er den hochgewachsenen Mann mit der weißen Armbinde. „Es ist ein Symbol der Nazis“, erklärt der. Das habe er nicht gewusst, entgegnet der Fahnenträger.

13.58 Uhr. Musik erklingt aus den Lautsprechern neben der Bühne. Es ist ein instrumentales Stück. Es klingt irgendwie melancholisch. Traurig.

14.09 Uhr. Thomas de Jesus Fernandes, Schweriner Kreisvorsitzender der AfD, betritt die Bühne. Redet davon, dass Merkel weg müsse. Von Lügenpresse. Und dass die AfD den Terror hat kommen sehen. Die Leute um mich herum jubeln ihm zu. Die Leute klatschen. Rufen: „Merkel muss weg.“ Und: „Wir sind das Volk.“

14.31 Uhr. Nun sammeln wir uns zum Spaziergang durch die Innenstadt, begleitet von einem Großaufgebot der Polizei. Am Ende des Zuges sind viele Männer mittleren Alters. Viele sind dunkel gekleidet. Ich bin dazwischen. Unterhalte mich mit ihnen. „Ich bin von der NPD aus Ludwigslust“, sagt mir einer. „Viele von uns sind hier. Wir nutzen alles, was für Deutschland und gegen Asylanten ist.“ Nun fangen sie an im Chor zu brüllen: „Wir wollen keine – Asylantenheime.“ Die Stimmen sind kraftvoll. Unheilvoll. Dunkel. Sie schallen durch die Straße. Beklemmung macht sich in mir breit. Alles in mir widerstrebt, noch weiter mit ihnen zu laufen. Ich gehe weiter nach Vorne. Hier spaziert eine Frau mit. Gut gekleidet. Ich schätze Mitte 50. Sie brüllt nicht mit. Ich frage, warum nicht. „Ich habe nichts gegen Flüchtlinge. Man muss ihnen helfen, aber es können nicht alle nach Deutschland kommen“, antwortet sie. Ihre Miene ist ernst.

Wir gehen weiter auf der Mecklenburgstraße. An den Seiten reihen sich Schweriner. Sie schauen uns genau an. Schütteln mit den Köpfen, als wieder Rufe erklingen: „Merkel muss weg.“

14.57 Uhr. Wir sind zurück auf dem Alten Garten. Die beiden AfD-Landessprecher Matthias Manthei und Leif-Erik Holm betreten nacheinander die Bühne. Machen Werbung für die AfD. Beschreiben, wo wir uns das Wahlprogramm im Netz runterladen können. „Wir halten unser Wort. Wir machen Politik für Familien. Für Kinder“, tönt es von Bühne. Ein Ärzte-Ehepaar aus Lübeck applaudiert. Ich stehe direkt neben ihnen. Frage ob sie mit allem übereinstimmen. „Es muss endlich was passieren“, sagt die Frau. Was die AfD genau verändern wolle, wisse sie nicht. „Den richtigen Flüchtlingen muss man helfen. Zum Beispiel durch die Welthungerhilfe“, fügt sie hinzu. Sie und ihr Mann würden gerne Menschen helfen, dass verlange ja schon ihr Beruf. Nur eben nicht so, wie es derzeit in Deutschland laufe.

15.33 Uhr. Zum Abschluss stimmen die AfD-Mitglieder die Deutschlandhymne an. Viele singen mit.

15.35 Uhr. Es wird dunkel. Die Kälte steigt in meinen Beinen hoch. Die Demonstration ist zu Ende. Die Menge löst sich auf. Auch ich gehe.

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