Zuneigung zu Fräulein Witt

'Die Todesopfer an der Berliner Mauer' Hrsgb. vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und der Stiftung Berliner MauerCh. Links Verlag528 Seiten, 24,90 Euro
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"Die Todesopfer an der Berliner Mauer" Hrsgb. vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und der Stiftung Berliner MauerCh. Links Verlag528 Seiten, 24,90 Euro

13. August 1961: Vor 48 Jahren wurde die Berliner Mauer errichtet. Mit ihr verbinden sich Unrecht, spektakuläre Fluchten und tragische Schicksale. 134 Todesopfer zählen jüngste Dokumentationen. Kaum bekannt jedoch sind die Grenzüberschreitungen in umgekehrter Richtung. 400 Menschen überstiegen die Mauer in den 28 Jahren von West- nach Ost-Berlin. DDR-Jargon: „Grenzverletzer WB - DDR“. Völlig unsinnig. Und so reagierten die DDR-Behörden ratlos, gereizt, mit Schüssen oder nutzten sie als Propaganda. Doch was bewegte die Mauerspringer?

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13. August 2009, 11:37 Uhr

"Am Freitagmorgen zur Sommersonnenwende 1974 ist es endlich geschafft: Wenige Minuten nach Mitternacht sitzt Kenny oben auf der Mauer. Von hier aus hat er klare Sicht über die Karolinenhöhe und die Rieselfelder südlich von Spandau. Die Gegend kennt er gut, denn seine Infanterieeinheit ist nur ungefähr drei Kilometer von hier stationiert... Nur beim Absprung zieht er sich an dem rauen Beton ein paar kleine Schrammen zu. Die Landung dagegen ist weich, so weich, dass sich sein Fuß tief in das geharkte, sandige Erdreich eingräbt. Sicher unten angekommen, rennt Kenny in südwestlicher Richtung an der Mauer entlang.

Den Warnschuss hat er kaum gehört, da folgen schon mehrere kurze Salven aus zwei Maschinenpistolen. Mit der Kalaschnikow kann man auf diese Distanz aber höchstens Zufallstreffer landen; die Grenzsoldaten sind fast 500 Meter vor ihm im Beobachtungsturm "Klärbecken" postiert. Hätte Kenny mitgezählt, wäre er auf 58 Schüsse gekommen; den Warnschuss nicht mitgerechnet. Doch wer zählt schon in einer solchen Situation - nichts wie weg...

Kenny konnte nicht auf geharkten Sand springen
Kenny wird getroffen und geht zu Boden. Es dauert ganze zwölf Minuten, bis sich ein Unterfeldwebel der Grenztruppen der Stelle nähert, an der er liegen geblieben ist. Unter Schmerzen versucht Kenny, ihn anzusprechen, aber der Soldat will oder kann ihn nicht verstehen. Weitere fünf Minuten später kommen ein Major des Grenzregiments 34 und einige andere Soldaten hinzu. Sie bringen Kenny in die nahegelegene Kaserne an der Seeburger Chaussee...

Die Samstagausgaben der West-Berliner Tageszeitungen bringen die Geschichte in großer Aufmachung, allerdings ohne genaue Erkenntnisse über die Verletzung, den Verbleib oder auch nur die Identität von Kenny liefern zu können... Die drei westalliierten Stadtkommandanten protestieren, und der Senatssprecher nennt den Vorfall einen erneuten Beweis dafür, "dass es den Verantwortlichen der DDR nicht auf Menschenleben ankommt, wenn es darum geht, den totalen Machtanspruch über die von ihnen Beherrschten durchzusetzen".

Kenny befindet sich unterdess an diesem Samstagmorgen schon nicht mehr in Potsdam-Drewitz, sondern im Westteil der Stadt! Nach der Operation hatten die DDR-Behörden ihn bereits am Freitagabend an ein britisches Militärkrankenhaus überstellt.

Kenny war kein Einzelfall
Nach allem was sich vom Grenzregime der DDR eingeprägt hat, ist das Happy End der Flucht von Kenny kaum glaubhaft. Aber die Fakten, die Martin Schaad in seinem neuesten Buch "Dann geh doch rüber" akribisch zusammengetragen hat, stimmen.

Ein paar kleine Details sind es, die nicht in die erwartete Geschichte passen. Auf der Westseite der Mauer wurde der Boden alles andere als täglich geharkt. Kenny konnte also für den aufmerksamen Zeitungsleser gar nicht auf den geharkten Sand springen. Auch Grenzposten - der Westberliner Polizei - patrouillierten nicht, hätte das doch de facto die staatsrechtliche Anerkennung des "antifaschistischen Schutzwalls"" und damit der völkerrechtswidrigen Demarkationslinie bedeutet.

Und: DDR-Grenzsoldaten schossen wohl in Richtung westdeutsches Gebiet, gingen aber danach nicht dahin und holten dort Verletzte wieder zurück in ein DDR-Krankenhaus...

Nein der vermeintliche DDR-Flüchtling war ein junger Gefreiter der "Kings Own Scottish Borderers" der von West-Berlin aus über die Mauer in die DDR geklettert war. Der Publikrelations Offizier der britischen Truppen sagte später lakonisch: Kenny sei völlig betrunken gewesen und habe nur einmal sehen wollen "was auf der anderen Seite los ist".

Kenny war kein Einzelfall. Der Historiker Martin Schaad, Jahrgang 1968, untersucht die Motive von Grenzverletzern West - Ost und analysiert die Reaktionen des Ministeriums für Staatssicherheit, der DDR-Staatsanwaltschaft und letztlich der Grenztruppen. Für die DDR-Behörden war diese Art Grenzverletzungen eine "provokatorische Missachtung der Souveränität der DDR", so der Dienst-Jargon - und also gefährlich.

Sprung über die Mauer gefährlich, aber leicht getan Dabei waren es oft Übermut, regelmäßig Mutproben und nur in wenigen Fällen gezielte Provokationen der DDR-Grenzbehörden. Aber auch leise Töne und ans Herz gehende Geschichten hat Schaad ausgegraben. Von bierseliger Selbstüberschätzung, über Wetten, Geldsorgen, Heimweh, Liebe, Sehnsucht, Verwirrtheit bis hin zu politischer Motivation - zu jedem dieser Motive hat der Autor einen Fall genauer recherchiert und die dramatischen, tragischen und zuweilen kuriosen Geschichten aufgeschrieben.

Aber nicht für jeden der 400 West-Ost-Flüchtlinge an der Berliner Mauer endete die Flucht in die verkehrte Richtung so glücklich wie für Kenny. In sieben Fällen hatten die rücksichtslose Schusswaffenanwendung der Grenzsoldaten auch einhergehend mit unterlassener Hilfeleistung den Tod der Mauerspringer zur Folge.

"Ein Sprung über die Mauer in den Osten war also gefährlich, aber leicht getan", beschreibt Schaad. Man konnte direkt bis an die Mauer gehen oder fahren, eine Leiter anlehnen, auf das Dach eines Autos steigen oder einfach einen der vielen Aussichts-Podeste nutzen, um über die Mauer zu kommen.

Ihren Höhepunkt erlebte die Einreisewelle in die DDR am 1. Juli 1988. In einer konzertierten Aktion hüpften 182 Westberliner Umweltaktivisten über die Mauer am heutigen Potsdamer Platz. Wochenlang hatten zuvor die Naturschützer das sogenannte Lenné-Dreieck besetzt. Als Westberliner Polizisten das Gelände räumten, setzten sich die Aktivisten kurzerhand ab - in den Osten. Die DDR-Soldaten bereiteten ihnen einen warmen Empfang. Die Flüchtlinge durften Stunden später wieder offiziell nach West-Berlin einreisen. Ein jeder von ihnen hatte allerdings bewiesen, dass die Mauer kein Schutzwall gegen Eindringlinge war, wie die DDR das immer propagierte.

Seit 1971 konnten Besucher regulär nach Ost-Berlin Aber andererseits war das alles völlig unsinnig. Denn spätestens seit 1971 konnten Besucher in sogenannten Besucherbüros regulär Tagesscheine erwerben und nach Ost-Berlin einreisen.

Vor westdeutscher Blümchentapete galt es jahrelang als gutes Recht, immer wenn jemand links argumentierte und Errungenschaften der DDR zur Sprache brachte, die hier und da gar nicht so verkehrt schienen, zu reagieren: "Wenns Dir hier nicht passt, dann geh doch rüber!" Dass dies dann für einige Leute durchaus eine Option darstellen könnte, hatte man immer mal wieder gehört, aber Genaues wusste man nicht. Konnte man sich auch nicht recht vorstellen. Martin Schaad hat Grenzfälle untersucht, bei denen die Mauer von West nach Ost überwunden wurde. Jetzt kennt man ein paar davon.

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