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Wohnungen für Asylbewerber : Zuflucht bei „Herrn Jürgen“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Unternehmer Jürgen Baumgarten hat auf seinem Firmengelände Lagerräume und Büros zu Wohnungen für Asylbewerber umgebaut

svz.de von
erstellt am 01.Okt.2015 | 06:30 Uhr

Eine Ballpumpe fehlt! Jürgen Baumgarten, Ex-Rennfahrer und Motorrad-Stuntman, greift zum Telefon. Die Jungs wollen Fußball spielen, doch das Leder macht schlapp. Die „Jungs“ sind syrische Kriegsflüchtlinge, die bei ihm im Betrieb wohnen. Eine Mitarbeiterin bringe morgen eine Pumpe mit, erklärt der 69-jährige Geschäftsführer der Motorenölfirma JB German Oil in Wittenburg. Mitte Juli richtete er nach einem Anruf der Kreisverwaltung binnen zwei Tagen in einem Bürogebäude im Gewerbegebiet der mecklenburgischen Kleinstadt bei Ludwigslust Zimmer, Wohnungen, Duschen und Gemeinschaftsküchen für Asylbewerber ein.

70 Männer, Frauen und Kinder sind nach monatelanger strapaziöser Flucht aus Syrien, Afghanistan, Russland oder der Ukraine auf Baumgartens Firmengelände untergekommen. Zum islamischen Opferfest Eid al-Adha machen Süßigkeiten die Runde – Lebkuchen und Spekulatius aus dem nahen Supermarkt. Baumgarten wirbelt die vierjährige Schams aus Syrien durch die Luft, das Mädchen quietscht vor Freude. „Als die Kinder hier ankamen, waren sie so ernst, jetzt lachen sie wieder“, sagt der frühere Motorsportler. „Das hier ist tausendmal besser, als mit ’nem Ferrari 300 zu fahren!“

Mehr als 40 Jahre saß Baumgarten auf der Rennmaschine und gehörte zu den internationalen Motocross-Größen. Mitte der 90er gründete der Hamburger seinen Betrieb für Motoröle und Schmierstoffe in Mecklenburg. Das Unternehmen gehört zur Marquard & Bahls AG, es liefert in 45 Länder. Als Profi-Sportler und Unternehmer sei er überall auf der Welt mit offenen Armen empfangen worden. „Wenn ich heute etwas zurückgeben kann, tue ich es gerne schon seit vielen Jahren“, sagt Baumgarten. „Der Winter steht vor der Tür, da müssen für die Flüchtlinge noch viel mehr menschenwürdige Unterkünfte her.“ Land und Kommunen schienen ihm damit überfordert, meint er.  Also baut Baumgarten weiter. Frühere Lagerräume werden zu Quartieren mit Holzbetten, Schränken, Fernseher, Internetanschluss. Bis Mitte Oktober sollen 60 weitere Flüchtlinge ankommen.

Er kümmere sich lieber persönlich, als nur Geld zu spenden, erklärt er. Für die Unterbringung der Asylbewerber erhalte er vom Landkreis Ludwigslust-Parchim pro Person und Tag neun Euro – Bau- und Betriebskosten für die Wohnungen lägen weit darüber. „Die Leute sind glücklich hier, das zählt“, sagt der 69-Jährige.

„Herr Jürgen, er hat ein so großes Herz“, ringt eine junge Bewohnerin um ein paar englische Worte. Ohne Helfer freilich kommt der Unternehmer nicht aus. Zweimal die Woche gibt ein pensionierter Lehrer Deutschunterricht. Spender bringen Kleidung und Spielsachen, Firmenmitarbeiter kümmern sich mit um die Organisation.

Der Landkreis wünsche sich mehr solcher privater Initiativen, erklärte Pressesprecher Andreas Bonin. Derzeit werde fieberhaft nach neuen Flüchtlingsheimen in Dörfern, Gewerbeparks und Kasernen gesucht. „Wir brauchen Unterkünfte in Größenordnungen.“ Neben der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung und Notquartieren des Landes gebe es derzeit im Kreis drei Gemeinschaftsunterkünfte für 520 Menschen sowie weitere gut 500 Plätze in Wohnungen und dem Wittenburger Betrieb. Doch die Kapazitäten reichten nicht aus, da jeden Tag manchmal 50, 60 Asylbewerber zugleich neu untergebracht werden müssten.

Mehr zur aktuellen Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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