Zu Gast bei guten Freunden

Die Neuenhagener Uta und Michael Jungclaus haben den dreißigjährigen Syrer Huzayfa Khalifa in ihrer Wohnung aufgenommen.
Die Neuenhagener Uta und Michael Jungclaus haben den dreißigjährigen Syrer Huzayfa Khalifa in ihrer Wohnung aufgenommen.

Grünen-Abgeordneter Michael Jungclaus nimmt syrischen Flüchtling bei sich auf

svz.de von
24. September 2015, 11:59 Uhr

In Märkisch-Oderland gibt es viele Menschen, die bereit sind, Flüchtlinge bei sich aufzunehmen. Auch der bündnisgrüne Landtagsabgeordnete Michael Jungclaus hat einen jungen Syrer zu Gast. Doch vom Landkreis gebe es für solche Fälle keine Unterstützung, kritisiert er.

Eigentlich war es die 17-jährige Tochter, die die entscheidende Frage stellte. „Wieso nehmen wir keinen Flüchtling bei uns auf?“ Schließlich gab es ein freies Gästezimmer, in dem vor vielen Jahren schon einmal das Au Pair-Mädchen wohnte. „Von daher hatten wir auch schon ein Gefühl dafür, wie es ist, plötzlich jemanden Fremden im Haus zu haben“, sagt Michael Jungclaus.

Nun ist Huzayfa da. Seit zehn Tagen. Wie ein Familienmitglied sitzt der 30-jährige Syrer auf der Dachterrasse. Die Katze streicht ihm vertraut um die nackten Füße. Huzayfa blickt lächelnd auf das grüne Neuenhagen. Schmucke Einfamilienhäuser mit gepflegten Vorgärten reihen sich hier im Speckgürtel von Berlin aneinander.

Jungclaus, seine Frau und zwei fast erwachsene Kinder bewohnen die Dachwohnung in einem der wenigen alten Mietshäuser im Ort. 150 Quadratmeter groß mit Gäste-WC, aber zu eng, um sich aus dem Wege zu gehen.

Und so steht man abends oft gemeinsam in der Küche und kocht. Tochter Antonia ist gleich ins Fettnäpfchen getreten, als sie die Spaghetti mit Speck anreicherte. „Da musste sich Huzayfa eine Pizza machen, weil er kein Schweinefleisch essen darf“, sagt Jungclaus.


Ein ganzes Haus hilft mit


Das Grillen im Gemeinschaftsgarten war dennoch ein Erfolg. „Ich dachte mir, ich sollte Huzayfa den anderen Mietern vorstellen.“ Die Reaktionen waren generell positiv. „Zwei Bekannte fragten gleich, wie sie jemanden aufnehmen können“, freut sich Jungclaus. Eine Mieterin lieh Huzayfa ihre Monatskarte, weil sie verreist. „Besser kann Integration gar nicht laufen“, sagt Jungclaus.

In der Region gebe es eine überwältigende Bereitschaft, Flüchtlingen private Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. So hat der Willkommenskreis über 50 Asylsuchende, darunter viele Kinder, die das Ex-Hotel Hoppegarten verlassen mussten, privat vermitteln können.

„Doch statt das bürgerschaftliche Engagement zu unterstützen, bremst der Landkreis diese positive Entwicklung“, kritisiert der 51-jährige Landtagsabgeordnete. Für ihn ist es unverständlich, dass kranke Flüchtlinge vor dem Arztbesuch nach Seelow fahren müssen, um sich einen Behandlungsschein abzuholen.

„Die Öffnungszeiten gibt es dort nur Dienstag und Donnerstag“, ärgert sich Jungclaus, der sich in Potsdam für eine einheitliche Krankenkarte für Asylsuchende einsetzen will.

Obwohl er Huzayfas Einzug beim Amt angemeldet hat, muss der Syrer immer noch in das 50 Kilometer entfernte Quartier nach Neuhardenberg fahren, das er sich mit sieben anderen Flüchtlingen teilte, um seine Post abzuholen. Geld für Lebensmittel erhält er in Seelow. „Während in Oberhavel die Verwaltung um private Unterstützung wirbt und dafür auch finanzielle Hilfe zusagt, stellt sich Märkisch-Oderland quer“, so der Politiker. Menschen, die privat helfen, befänden sich in einer rechtlichen Grauzone.

„Private Unterbringung ist bei uns nicht vorgesehen“, bestätigt Kreissprecher Thomas Behrend. Mit jedem Flüchtling, der die Gemeinschaftsunterkunft verlasse, steige die Arbeitsbelastung der Ämter. „Das ist irgendwann nicht mehr überschaubar“, bittet Behrend um Verständnis. Zudem müsse man alle Flüchtlinge gleich behandeln. Die, bei denen der Asylantrag positiv beschieden ist, dürften sich ohnehin eine eigene Wohnung suchen.

Huzayfa ist seit Oktober in Deutschland. Die Anhörung hatte er im Januar. Seitdem wartet er. Er hat einen Bachelor-Abschluss als Business Manager und würde gern seinen Master nachholen. „Arbeiten und studieren, beides gleichzeitig“, sagt er in gutem Englisch. In den Emiraten habe er im Vertrieb eines Communikationsunternehmens gearbeitet, bis sein Visum auslief und er den Golfstaat verlassen musste.

Die Nusra-Front, eine Nachfolge-Miliz von Al Quaida, eroberte im März seine syrische Heimatstadt Idleb City. Nachdem sich die Regierungstruppen Assads zurückgezogen hatten, bombardieren sie die Stadt.


Vokabelheft liegt auf dem Tisch


Huzayfa mag die friedliche Gegend in Neuenhagen, den dichten Wald um die Rennbahn in Hoppegarten und den Müggelsee. „Die Menschen sind so nett hier“, sagt er und lächelt hoffnungsvoll. Auf dem Tisch in seinem kleinen Zimmer liegen ein Deutschbuch und ein Vokabelheft. Einen Deutschkurs bekommt er offiziell erst, wenn sein Asylantrag bewilligt wurde. „So haben wir uns vorgenommen, immer einen Tag Englisch und einen Tag nur Deutsch zu sprechen“, sagt Jungclaus’ Ehefrau Uta.

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