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Flüchtlinge in der deutschen Arbeitswelt : Ziel: Ein eigenes Friseurgeschäft

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ein Projekt in Rostock hilft Flüchtlingen, sich mit der deutschen Arbeitswelt und der deutschen Sprache vertraut zu machen

svz.de von
erstellt am 26.Okt.2015 | 21:00 Uhr

Beim Herrenhaus Poppendorf müssen die Fenster erneuert werden. Und an der Burg Neustadt-Glewe muss unter anderem noch das Turmdach gedeckt werden. Für Ahmed Alhasan ist die Arbeit in der Modellbauwerkstatt des Rostocker Arbeitsförderungs- und Fortbildungswerkes (AFW) ungewohnt – doch sie macht ihm Spaß.

Als der heute 18-jährige Syrer aus seiner Heimat floh, ging er noch zur Schule. Später, in Ägypten, machte er sein Abitur. Am liebsten würde er einmal Computer programmieren, erzählt er. Aber zuerst einmal, das ist ihm klar, muss er deutsch lernen, um hier Fuß fassen und studieren zu können. Und das will er unbedingt, schon allein, um für seine 10 und 12 Jahre alten Schwestern sorgen zu können, die mit ihm zusammen den beschwerlichen Weg über das Mittelmeer genommen hatten.

AFW bietet mit seinem Projekt „Arbeitsgelegenheit zur Integration und sozialen Teilhabe für Flüchtlinge“, kurz AITF, Zuwanderern die Chance, sich schon vor der Aufnahme in einen Integrationskurs – worauf sie oft monatelang warten müssen – mit der deutschen Arbeitswelt und der deutschen Sprache vertraut zu machen. „Sie können wählen zwischen den Bereichen Garten- und Landschafts- sowie Modellbau“, erklärt AFW-Geschäftsführerin Heike Volke. In beiden Kursen würden deutsche und ausländische Teilnehmer – im Moment sind es Syrer und Afghanen – ganz bewusst gemischt, „weil wir wollen, dass die Teilnehmer miteinander ins Gespräch kommen und ihre Lebenswelten miteinander abgleichen“, so Heike Volke. „Wenn ich von jemandem persönlich gehört habe, welche Strapazen er auf sich genommen hat, um hierher zu kommen, dann wird mir klar, dass ich um keinen Preis mit ihm tauschen möchte – und dass Flüchtlinge unsere Unterstützung verdienen.“

Derzeit werden bei AFW vom Jobcenter zehn Stellen für Flüchtlinge gefördert. Ginge es nach der Geschäftsführerin, könnten es noch mehr werden – „statt dass sie monatelang auf engstem Raum sitzen, auf einen Integrationskurs warten und nichts tun, muss man ihnen doch sofort eine Perspektive und Beschäftigung anbieten.“ Zumal: Bei der Arbeit würden den Flüchtlingen auch erste Kenntnisse in deutscher Kultur und Geschichte, in Geographie und der heimischen Fauna und Flora vermittelt.

Anfangs funktioniere die Verständigung mit „ein bisschen Schulenglisch, vor allem aber mit Händen und Füßen“, erklärt der Leiter der Modellbauwerkstatt, Bernd Kaykan. Ahmed Alhasan würde auch das Übersetzungsprogramm in seinem Handy zur Hilfe nehmen, und immer häufiger würde er deutsche Brocken in die „Gespräche “ einfließen lassen, lobt ihn sein Vorgesetzter. Auch Mazyad Qoyo, der im Garten- und Landschaftsbau arbeitet, bemüht sich, schnell deutsch zu lernen. Denn der 24-Jährige möchte so wie zu Hause in Syrien auch hier ein eigenes Friseurgeschäft führen. „Allerdings hat er diesen Beruf nie gelernt“, erklärt Dr. Hend Aldamen, „obwohl wir bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges ein sehr gutes, kostenloses Bildungswesen hatten, ist das bei vielen meiner Landsleute so.“

Die Syrerin, die in Deutschland studiert hat, musste Mazyad Qoyo erst erklären, dass er hier Facharbeiter- und Meisterbrief braucht, um sich selbstständig zu machen. „Und um die zu bekommen, ist das Allerwichtigste, die Sprache zu lernen.“ Bei AFW steht Hend Aldamen ihren Landsleuten nicht nur als Deutschlehrerin und Sprachmittlerin zur Seite. Sie begleitet sie nach der Arbeit in den Werkstätten auch zu Behörden, hilft beim Ausfüllen von Formularen und beim Formulieren von Lebensläufen und Bewerbungsformularen.

„Auch wenn viele Teilnehmer nur für eine überschaubare Zeit in den Projekten arbeiten, sind hier doch schon einige richtige Patenschaften entstanden“, erzählt AFW-Geschäftsführerin Volke. So würden lebenspraktische Dinge vermittelt, die die Integration beschleunigen. Angst vor Überfremdung hat Heike Volke bei ihren Kursteilnehmern jedenfalls noch nicht erlebt. Und wenn es doch einmal so weit kommen sollte, dann hat sie sich ein Gleichnis gemerkt, das sie im Autoradio in den Kindernachrichten gehört hat: „In Deutschland leben über 80 Millionen Menschen. Jetzt soll eine Million dazu kommen. Das ist, als wenn 80 Menschen in einem Raum wären und ein weiterer kommt hinein. Ich finde, das ist nicht viel…“

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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