Zehn Prozent geben auf

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30. Juli 2010, 06:37 Uhr

Schwerin | Lange hatte der Deutsche Hebammenverband das Schreckenszenario ausgemalt, jetzt steht es fest: Zehn Prozent der bundesweit rund 4000 freiberuflichen Hebammen haben seit 1. Juli die Geburtshilfe aufgegeben, sie beschränken sich künftig auf Geburtsvorbereitung und -nachsorge. In Mecklenburg-Vorpommern treffe das vorerst für vier seiner Mitglieder zu, teilt der Berufsverband mit. Ihm gehören 17 200 von rund 18 000 Hebammen in Deutschland an.

Anlass der Veränderung ist eine enorme Steigerung des Jahresbeitrages zur Haftpflichtversicherung, die im Zeitraum von 30 Jahren Geburtsschäden in Höhe von 7,5 Millionen Euro absichert. Verbandssprecherin Edith Wolber verdeutlicht die Steigerung: 1981 hat die Haftpflicht 30 Euro gekostet, 1992 waren es 198 Euro, 2007 schon 1200 Euro, 3689 Euro ab Juli 2010 markierten den vorläufigen Höhepunkt. Das Einkommen einer Hebamme halte nicht annähernd mit, wie sie darlegte. Der Stundenlohn liege bei durchschnittlich 7,50 Euro. Die hohe Haftpflicht gelte für Hebammen in der Geburtshilfe, Kollginnen in Vor- und Nachsorge zahlen nur ein Zehntel.

Die Versicherung, die mit dem Hebammenverband einen Gruppenvertrag unterhält, vertritt die Prämien mit dem Argument der steigenden Lebenserwartung und immer kostenaufwendigeren Behandlungsmethoden für Kinder mit Geburtsschäden. "Dabei gelangt das wenigste Geld zu den Eltern", sagt Edith Wolber und kritisiert die ausschließlich ökonomische Sichtweise auf das Thema an. So seien in die horrende Millionensumme sogar Beiträge eingerechnet, die Sozial- und Krankenkassen durch einen behinderten Menschen einbüßen.

Um die Hebammen mit derlei Lasten nicht allein zu lassen, setzt sich der Verband für einen steuerfinanzierten Fonds zur Absicherung von Geburtsschäden ein. Zudem müsste die Haftungszeit von 30 auf 10 Jahre - wie in anderen Ländern üblich - verkürzt und das Einkommen von Hebammen verbessert werden. Ein Runder Tisch mit Gesundheits-, Arbeits-, Bildungs- und Familienministerium wird gefordert.

Edith Wolber warnt vor den Folgen des Rückzugs aus der Geburtshilfe: Die Wahlfreiheit werdender Eltern über Ort und Umstände der Niederkunft wird eingeschränkt. 2009 hatten freiberufliche Hebammen bundesweit immerhin 160 000 von 600 000 Kindern auf die Welt geholfen.

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