Womit lockt man Mediziner von morgen?

Kein Hausarzt mehr erreichbar: Immer  mehr Praxen  finden keinen Nachfolger.  dak/schläger
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Kein Hausarzt mehr erreichbar: Immer mehr Praxen finden keinen Nachfolger. dak/schläger

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25. Februar 2011, 09:45 Uhr

Rostock/Schwerin | Der Zustand ist alarmierend: In Mecklenburg-Vorpommern fehlen schon jetzt knapp 200 Hausärzte. Vor allem auf dem Land wird es immer schwieriger, Nachfolger für Praxen zu finden, die aus Altersgründen frei werden. Bundes- und Landespolitik reagieren mit einem ganzen Paket von Vorschlägen: Mit Stipendien sollen angehende Mediziner zur Niederlassung in strukturschwachen Regionen bewegt werden. Im Gespräch sind die Schaffung zusätzlicher Medizinstudienplätze, gelockerte Zulassungsbedingungen und eine Quote für potenzielle Medizinstudenten aus dem Land, die später auch hier praktizieren wollen.

Doch was sagen junge Leute dazu, die sich für den Medizinerberuf entschieden haben? Wir befragten vier Rostocker Medizinstudenten, die zurzeit im Universitätsklinikum der Hansestadt ihr Praktisches Jahr absolvieren und im Herbst ihr Staatsexamen ablegen wollen.

Geld oder Liebe?

500 Euro Stipendium pro Monat will Nordvorpommern Studierenden zahlen, die sich verpflichten, nach bestandener Facharztausbildung vier Jahre lang als niedergelassener oder Amtsarzt im Landkreis zu praktizieren. Doch bei unseren vier Rostocker Studenten verhallt dieser Lockruf ungehört.

Franziska Brückner könnte man auch noch mehr Geld anbieten: "Nach dem Studium in Mecklenburg-Vorpommern zu bleiben, kommt für mich nicht in Frage", erklärt die 26-Jährige, die aus einem Dorf in der Oberlausitz stammt. Dorthin zieht es die junge Frau zurück - oder zumindest in die Nähe. "Meine Familie, meine Freunde sind mir hier einfach zu weit weg", gesteht sie.

Das nordvorpommersche Stipendium ist ihrer Meinung nach nur für diejenigen ein Anreiz, die sowieso schon mit dem Gedanken spielen, sich in eben dieser Region niederzulassen.

Also für Jana Blaschke? "Der finanzielle Aspekt ist nicht alles", winkt sie ab. Die 25-Jährige findet Mecklenburg-Vorpommern "total schön", gerade in und um Rostock würde auch kulturell eine Menge geboten. Dennoch sieht sie ihre berufliche Perspektive eher im Schweriner Umfeld - denn dorther, aus Crivitz, stammt sie. Doch ob sie sich dort auch für die fachärztliche Weiterbildung bewerben wird? "Das habe ich mit meinem Mann noch nicht zu Ende diskutiert."

Beruf oder Berufung?

Ehemann und Kommilitone Paul Blaschke stammt nämlich aus Nordbrandenburg. In der Nähe von Kyritz hat sein Vater eine Allgemein arztpraxis - die der Sohn idealerweise einmal übernehmen soll.

Was in dessen Augen dafür spräche ist, dass ein Hausarzt bei seinen Patienten großes Ansehen genießt, das weiß er von seinem Vater. Außerdem hat er durchaus Sympathien für das Fachgebiet - allerdings könnte er sich auch genauso gut vorstellen, sich auf Innere Medizin zu spezialisieren. Was aber schon feststeht: "Ich möchte mich auf jeden Fall in einer eigenen Praxis niederlassen." Seine Frau dagegen könnte sich auch vorstellen, erst einmal einige Jahre in einem Krankenhaus zu arbeiten. Später würde sie dann aber ebenfalls gerne in die Niederlassung gehen.

Für die Blaschkes, die bereits ein Kind haben, steht außerdem fest: "In der Nähe eines Elternhauses werden wir uns in jedem Fall ansiedeln, schon allein für den Fall, dass wir einmal Hilfe bei der Kinderbetreuung brauchen." Denn bei einem Kind soll es nicht bleiben. Und Möglichkeiten der Kinderbetreuung, darin sind sich alle Studenten einig, spielen nun mal eine große Rolle bei der Entscheidung für - oder gegen - einen künftigen Arbeitsort.

Männer oder Frauen?

Das bringt Jana Blaschke auf einen weiteren ihrer Meinung nach wichtigen Punkt, der künftigen Ärztemangel vermeiden könnte. "Der Numerus Clausus und damit die Zulassungsbeschränkung auf Bewerber mit einem bestimmten Abiturnotendurchschnitt führt dazu, dass es in vielen Seminaren nur Frauen gibt", hat sie beobachtet. Denn Frauen und Mädchen fiele das Lernen nun einmal leichter. Doch allein deshalb seien sie nicht auch besser für den Arztberuf geeignet. Da sei neben Fleiß zum Beispiel Menschlichkeit genauso wichtig. Vor allem in Krankenhäusern würde es später bei zu vielen Frauen auf einer Station schnell zu personellen Engpässen kommen - erst recht, wenn mehrere gleichzeitig ausfielen, weil sie ein Kind bekämen.

Lust oder Frust?

Heimatverbundenheit, die bei ihren Kommilitonen einen sehr hohen Stellenwert besitzt, ist für Shirley Anderson ein Fremdwort. "Ich bin ein rastloser Mensch, war noch nie länger als fünf Jahre an einem Ort", gesteht die Baden-Württembergerin. Auch jetzt, im sechsten Jahr in Rostock, hat sie "das Gefühl wegzumüssen". Dabei kann "weg" aber durchaus heißen, in MV zu bleiben - wenn die Bedingungen stimmen. "Eine völlig überlaufene Praxis mit 2500 Scheinen zu übernehmen, in der ich keine Möglichkeit mehr hätte, auf den einzelnen Patienten einzugehen und wo ich abends immer das Gefühl hätte, etwas nicht geschafft zu haben - das käme für mich überhaupt nicht in Frage", stellt die junge Frau klar.

Dem stimmt auch Franziska Brückner zu: "Es geht nicht, in bestehende Praxen noch mehr Patienten zu schicken." Und Jana Blaschke hat im Praktikum von einem Allgemeinmediziner gehört, dass er früher abends ohne schlechtes Gewissen nach Hause gehen konnte. Heute würde er sich nicht nur immer öfter fragen, ob er alles erledigt hätte - er würde auch immer öfter daran zweifeln, alles richtig gemacht zu haben. "Das kann es doch nicht sein", sind sich die Studenten einig.

Für Shirley Anderson hat die Allgemeinmedizin dennoch einen großen Reiz. Im Laufe des Studiums hätte sie sich immer mehr dafür begeistert. Allgemeinmedizin sei spannend, weil die Bandbreite der gesundheitlichen Probleme, mit denen man zu tun bekommt, so breit sei wie in keinem anderen medizinischen Fachgebiet.

Das findet auch Paul Blaschke reizvoll. Allerdings hat er auch gemerkt: Das Anspruchsdenken der Patienten werde immer größer. "Vielen fehlt das Verständnis dafür, dass es auch heute noch Krankheiten gibt, die nicht geheilt werden können." Zum Glück gehöre zur Allgemeinmedizinerausbildung aber auch zu lernen, mit Ansprüchen, die nicht erfüllt werden können, umzugehen.


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