"Wollten doch keine Polizisten töten"

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Bekanntestes Opfer: Passaus Polizeichef Alois Mannichl dpa

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06. Juli 2010, 08:52 Uhr

Stralsund | Es wurde getrunken, gekokst und lautstark Musik gehört. In der Nacht zum 18. Januar dieses Jahres dröhnten eingängige Hiphop-Titel wie "Fick die Polizei" von dem wegen Volksverhetzung verurteilten Berliner Rapper Blokkmonsta durch die Zweiraumwohnung im Greifswalder Problemviertel Schönwalde II. Als Richter Wolfgang Loose gestern im Saal 17 des Stralsunder Landgerichts noch einmal das Machwerk abspielen lässt, ist es mucksmäuschenstill. Betreten schauen die drei Angeklagten zu Boden, während der Sänger zur Hatz gegen die "Bullenschweine" ruft.

"Wir wollten doch keine Polizisten töten", beteuert einer der Tatverdächtigen, Tobias W., später. "Das ist doch einfach bloß Musik", sagt der 18-Jährige. Doch ganz offenbar kam an jenem Abend in der illustren Runde junger Männer jemand auf die Idee, "Polizisten abzuschießen". Stefan R. (23), bereits wegen versuchten Totschlags vorbestraft, soll daraufhin im Badezimmer aus Bierflaschen und Benzin drei Molotow-Cocktails gebastelt haben. "Dann bin ich zur Telefonzelle gelaufen und habe die Polizei angerufen", erinnert sich W.: "Ich habe gemeldet, dass in der Makarenkostraße eine Frau von mehreren Personen belästigt wird."

Die Idee war nicht ganz neu. Schon Tage vorher sollen die zur Tatzeit 17, 18 und 23 Jahre alten Angeklagten die Polizei wegen einer angeblichen Schlägerei angelockt haben, um dann eine Batterie von 100 Silvesterraketen auf die Streife abzufeuern. Dazu kam es nur deshalb nicht, weil das Polizeiauto rechtzeitig in eine Nebenstraße abgebogen war. An jenem Abend vor dem 18. Januar aber warteten die Drei im Gebüsch auf die anrollende Streife, um die drei Brandsätze zu werfen, die das Fahrzeug nur knapp verfehlten.

Entschuldigungsbriefe und ein widerrufenes Geständnis

Polizeihauptkommissar Thomas Krüger, der in jener Nacht am Steuer saß, setzte mit Vollgas zurück und forderte Verstärkung an. "Alles ging so schnell", erinnert sich der 41-Jährige. "Erst später wurde mir klar, was hätte passieren können, wenn das Auto in Flammen aufgegangen wäre!" Sein kürzlich pensionierter Chef Klaus Wils sagt, in 41 Dienstjahren sei ihm noch nie derartige Heimtücke, Skrupellosigkeit und Gewaltbereitschaft untergekommen.

Nur wenige Stunden nach der Brandsatz-Attacke kommt die Polizei anhand von Fußspuren im Schnee und Zeugenaussagen dem Trio auf die Spur. Stefan R. gesteht sowohl in der polizeilichen Vernehmung als auch später in Anwesenheit seines Anwalts dem Haftrichter seine Beteiligung. Aus der Haft soll er sogar den beiden Polizeibeamten Entschuldigungsbriefe geschrieben haben. Doch vor Gericht widerruft er sein Geständnis. Es sei angeblich noch unter dem Einfluss von Restdrogen und Druck zustande gekommen.

Sechs Sachverständige und elf Zeugen

Nach durchzechter Vornacht habe er an jenem Abend in der gemeinsamen Wohnung einfach geschlafen, behauptet Stefan R.. Erst spät in der Nacht hätten die beiden anderen ihm von der Molotow-Attacke berichtet und sogar Handy-Videos davon gezeigt, sagt er. Auf die beharrlichen Nachfragen des Richters, wieso er denn in früheren Aussagen so genau die Vorgänge habe beschreiben können, antwortet sein Anwalt Rainer Steffen. Sein Mandant habe sich aus den damaligen Gesprächen ein Geständnis zusammengereimt, um Hafterleichterungen zu erreichen.

Die Verhandlung wird morgen fortgesetzt. Insgesamt sollen sechs Sachverständige und elf Zeugen gehört werden. Das mögliche Höchststrafmaß in diesem Fall kann bei Erwachsenen eine lebenslange Haftstrafe sein. Das Jugendstrafrecht sieht bis zehn Jahre Gefängnis vor.

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