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131 Tiere in MV gerissen : Wolfsattacke auf der Weide

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Höhere Elektrozäune, mehr Schutzhunde: Schäfer rüsten sich gegen Raubtiere / Landesweit mindestens 131 Tiere gerissen

svz.de von
erstellt am 09.Jan.2015 | 07:39 Uhr

Sie kamen über Nacht: Noch am Nachmittag hatte Siegmar Wendelberger einige Lämmer aus dem gesicherten Pferch geholt, auf ein benachbartes Weidestück gebracht und die Herde neu geordnet: „Da wird schon nichts passieren, hatte ich mir noch gedacht“, erinnert sich der Schäfer aus Neu Jabel im Landkreis Ludwigslust-Parchim an das Wochenende im vergangenen Oktober: „Am nächsten Morgen waren einige Tiere tot“ – Wolfsattacke auf eine Schafherde. Eine von vier, die Wendelbergers 1000 Mutterschafe in den letzten Jahren ausgesetzt waren, seit sich die einst in Deutschland ausgerotteten Raubtiere über die offenen Grenzen wieder auf den Weg nach Westen gemacht haben – Reviersuche der Wölfe.

Unter den Schäfern geht die Angst um: Die erste Wolfsattacke 2006 sei noch abgetan worden, erklärt Wendelberger. Behörden hatten damals wildernde Hunde hinter der Attacke vermutet. Da war für den erfahrenen Schäfer längst klar, dass der Wolf am Weidezaun steht: „Hunde zerfleischen ihre Beute, Wölfe setzen gezielt zum Kehlbiss an. Die sind dann wie im Blutrausch und töten, was sich bewegt.“ Seit damals gehen bei Schäfer Wendelberger die Schäden in die Tausende: 40 Tiere habe er verloren. Um gut 20 000 Euro habe ihn der Wolf gebracht, rechnet der 59-Jährige vor. Ein Teil werde entschädigt. Nach Marktwert der Tiere, erklärt Jürgen Lückhoff, Chef des Landesschafzuchtverbandes – die Folgeschäden aber nicht. Ehe ein neues Muttertier wieder Lämmer zur Welt bringe, gingen fast zwei Jahre ins Land: „Drei Lämmer, die ich nicht verkaufen kann“, meint Wendelberger.

Die Wölfe richten sich ein: ein Rudel in Wendelbergers Nachbarschaft in der Lübtheener Heide, ein weiteres in Ueckermünder Heide. In Sternberg wurde inzwischen ein sesshaftes Einzeltier ausgemacht, weitere im Grenzgebiet zu Brandenburg. Es werden mehr: Sowohl in der Lübtheener als auch in der Ueckermünder Heide streift seit diesem Frühjahr Wolfsnachwuchs durch die Gegend – neun Jungtiere auf der Suche nach neuen Revieren.

Wölfe auf Beutezug: Mindestens 24 Attacken wurden seit 2007 in MV gezählt, 131 Tiere getötet – meist Schafe, aber auch Kälber und Wild. Nach Angaben des Naturschutzbundes (Nabu) haben sich in Deutschland inzwischen 35 Wolfsrudel in freier Wildbahn angesiedelt – in MV, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Niedersachsen. Wendelberger und seine 60 Berufsschäferkollegen in MV rüsten jetzt auf. Mindestens 7000 Euro hat Wendelberger investiert – in höhere Weidezäune und sieben Pyrenäenhunde und Kaukasische Schäferhunde, die seitdem in der Herde auf Mutterschafe und Lämmer aufpassen. Mit Hilfe des Landes: 80 Prozent der Investitionen übernehme das Land, erklärt Verbandschef Lückhoff – aber nur für Schäfer im so genannten Wolfserwartungsland. Der Mehraufwand für die Ausbildung und das Futter der Hunde gehe auf die eigene Rechnung. Doch das aufwendige Antragsverfahren schrecke vor allem Schäfer im Nebenerwerb ab: Da gebe manch einer, der nebenbei zehn Schafe halte, schnell auf, sagt Lückhoff.

Aufhalten werden die Schutzmaßnahmen die Wölfe nicht: „Ich brauche den Wolf nicht“, macht Wendelberger keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen die geschützten Tiere. 25 Jahre bewirtschafte er seine eigene Schäferei. Doch nach den Wolfsattacken könne man schon mal die Lust daran verlieren, meint er. Lassen könne er von der Schäferei dann aber doch nicht. „Wer einmal damit angefangen hat, kommt nicht mehr los“, sagt Wendelberger: „Wir müssen den Wolf akzeptieren und mit ihm leben.“ Nur: Immer neue Wölfe suchten ihre Reviere, erklärt Lückhoff. Die Wolfsgebiete ziehen sich bereits durchgängig von Ost nach West durchs Land – Ueckermünder Heide, Mecklenburgische Seenplatte bis in die Griese Gegend in Westmecklenburg, meint der Verbandschef und fordert, das gesamte Land als Wolfserwartungsland auszuweisen, um allen Schäfern Investitionshilfen zahlen zu können: „Wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie viele Tiere unser Land verträgt.“ Es werde Zeit, über Obergrenzen und eine Bestandsregulierung nachzudenken.  

 

 

 

 

 

 

 

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