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Gauck in Leipzig : „Wir wollen unser Leben gestalten“

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Bundespräsident Gauck feiert den 9. Oktober 1989 als Meilenstein im Kampf um die Freiheit. Sein Blick auf das Hier und Jetzt fällt nachdenklicher aus.

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erstellt am 09.Okt.2014 | 15:50 Uhr

Lichter, überall Lichter: Zehntausende sind jetzt hier auf dem Leipziger Innenstadtring zu Fuß unterwegs. So wie damals! Auf dem Augustplatz legen sie eine riesige „89“ aus Kerzen. Stilles Gedenken an die dramatischen Stunden bei der alles entscheidenden Montagsdemonstration vor 25 Jahren.

Beim traditionellen Friedensgebet in der Nikolaikirche am Abend sitzen sie dicht gedrängt. In der Kirchenbank vorn nimmt Joachim Gauck Platz. Und er hat seine Präsidenten-Kollegen aus Polen, Tschechien, der Slowakei  und Ungarn eingeladen, um an den Mut und Freiheitswillen der Leipziger Demonstranten vom 9. Oktober 1989 zu erinnern.

„Es war magisch und ganz irdisch zugleich. Unendlich viele Träume hatten sich erfüllt. Für unendlich viele war es einfach – Glück“, ruft Gauck bereits am Morgen beim Festakt im Gewandhaus die Bilder aus dem Wendeherbst 1989 in Erinnerung.

Leipzig zwischen Gedenken und Lichterschein. Ein Tag der Erinnerung mit vielen prominenten Gesichtern. Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger ist da. Hans-Dietrich Genscher, zur Wendezeit Chefdiplomat der Bundesrepublik, plaudert mit James Baker, seinem US-Amtskollegen von damals.

Natürlich sind auch die meisten noch lebenden Bürgerrechtler der Wendezeit mit von der Partie, darunter Marianne Birthler, Werner Schulz, Lutz Rathenow und Friedrich Schorlemmer. Bundespräsident Gauck, der 1989 als Pastor in Rostock Demonstrationen und Friedensgebete organisierte, gibt den Gastgeber und ist dabei voll in seinem Element. Geht es doch hier um die Freiheit, sein großes Lebensthema.

Bewegt von der Erinnerung an den letztlich erfüllten Traum von Selbstbestimmung würdigt der Bundespräsident die versammelten Protagonisten der DDR-Oppositionsbewegung: „Was in kleinen oppositionellen Gruppen und Zirkeln begann, wurde zu einer breiten Demokratiebewegung, die auch den letzten Winkel des Landes erfasste.“

Die Geschichte des Herbst 1989, für Gauck auch ein Stück eigene Lebensgeschichte. „Wir zwangen das Regime zum Abdanken“, spricht er von einer Revolution, die die Herrschenden entmachtete – „ganz ohne Racheakte und Selbstjustiz“.

Tief verbeugt sich der Bundespräsident vor Kurt Masur. Der heute 87-jährige frühere Gewandhaus-Kapellmeister hatte am 9. Oktober 1989 einen Aufruf („Keine Gewalt“) verfasst, um das mögliche Massaker an den Demonstranten zu verhindern. Den Leipziger Ruf „Wir sind das Volk!“, aus dem später „Wir sind EIN Volk!“ wurde, sieht Gauck in einer Linie mit der französischen Revolution und der Sehnsucht nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“.

Allen, die es erlebt hätten, werde der Herbst 1989 bis ans Lebensende unvergesslich bleiben. „Wir können gemeinsam stolz darauf sein, im Osten und im Westen“, so Gaucks Credo. Ohne die entscheidende Montagsdemo vor 25 Jahren, ohne das Wunder von Leipzig, hätte es nach seiner Lesart weder Mauerfall noch Deutsche Einheit gegeben: „Vor der Einheit kam die Freiheit.“

Hier in Leipzig setzt der Bundespräsident ein Zeichen gegen Beschönigung des SED-Staates. Klartext in Richtung Linkspartei. „Die DDR war ein Unrechtsstaat“, ruft Gauck den 1700 Ehrengästen hier im Gewandhaus zu. Schon offene Worte seien riskant gewesen. Blick zurück und Blick nach vorn. Das Ende der Teilung, für das Staatsoberhaupt eine Erfolgsgeschichte: „Die Nation wächst zusammen. Die Einheit gelingt.“

So emotional der Präsident den Mut der DDR-Oppositionsbewegung würdigt, so nüchtern analysiert er, in welche Richtung sich die Welt 25 Jahre danach entwickelt hat. Das Ende des Kalten Krieges sei nicht das von manchen erwartete Ende der Geschichte gewesen.

Sein Blick auf Europa und die Welt heute fällt weniger positiv aus. „1989/90 glaubten wir, mit dem Ende des Kalten Krieges stehe Europa vor einem Jahrhundert des Friedens“, sagt Gauck. „Stattdessen sind wir heute konfrontiert mit gescheiterten Staaten, mit Terrorismus, Fundamentalismus, Gewalt, Anarchie und Bürgerkrieg.“ Der Bundespräsident mahnt erneut an, dass Deutschland eine aktive Rolle spielen müsse. „Wir haben miteinander neu darüber nachzudenken und wir haben zu bestimmen, welche Mitverantwortung Deutschland zu tragen bereit ist.“

Und die Demokratie könne ausdörren, wenn die Bürger sie nicht mit Leben erfüllten. Gauck, plötzlich in der Rolle des Mahners, der an das Selbstverständnis der 89er-Demonstranten erinnert: „Wir wollen unser Leben selbst gestalten und regieren.“

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