"Wir sollten der Natur mit mehr Gelassenheit begegnen"

svz.de von
28. Juli 2010, 06:32 Uhr

Schwerin | Nach dem Abgang von Kreidefelsen an den Wissower Klinken im Nationalpark Jasmund sieht Dr. Michael Weigelt, Leiter der Außenstellte Jasmund des Nationalparkamtes Vorpommern, keinen Anlass zur Beunruhigung. Mit Karen Hacke sprach er über mö g liche Ursachen, neue Ge fahren und schaulustige Touristen.

Herr Dr. Weigelt, wie konnte es zu dem Absturz des Kreidefelsens an den Wissower Klinken auf Rügen kommen?

Dr. Michael Weigelt: Genau das kann ich eigentlich nicht erklären. Die üblichen Ursachen wie Frost, Brandung oder massive Niederschläge fallen aus. Wir haben nicht damit gerechnet. Es gibt Jahreszeiten, da ist sowas eher wahrscheinlich. Das ist Natur pur. Ich vermute, dass durch die lange Trockenheit Risse entstanden sind.

Wieviel ist denn heruntergekommen?

Es handelt sich nur um ein kleines Häufchen von geschätzten 150 bis 200 Kubikmetern. Zum Vergleich: Im Jahr 2008 stürzten am Tipper Ort 15 000 Kubikmeter und 2005 an den Wissower Klinken sogar 50 000 Kubikmeter in die Tiefe. Eigentlich wäre das jüngste Ereignis gar keine Pressemeldung wert gewesen. Das alles ist nur wegen des Rettungseinsatzes so spektakulär gewesen.

Es wurde ja zum Glück niemand gefunden...

Genau und es wird auch niemand vermisst. Spaziergänger wollten Dienstagabend gegen 18 Uhr den Absturz bemerkt haben. Aber einer unserer Ranger hat schon vorher den Kreidehaufen am Ufer liegen sehen, der auch schon einen Trampelpfad aufwies. Dann wurde gebuddelt und per Hundestaffel und Hubschrauber mit Wärmebildkamera nach eventuell Verschütteten gesucht.

Was passiert jetzt mit dem heruntergefallenen Felsen?

Wir sind hier ja nicht im Gebirge, wo ganze Brocken am Boden liegen. Das ist lockere Kreide, die jetzt von der Brandung aufgewaschen wird. Wir greifen da nicht ein, sondern übergeben die Verantwortung an die Ostsee.

Wird der Weg jetzt für die Touristen gesperrt?

Nein. Das ist eine Steilküste. Da kann immer etwas abbrechen. Das geht so, seit es die Ostsee gibt. Jeder, der hier langgeht, tut dies auf eigenes Risiko.

Besteht die Gefahr, dass in den kommenden Tagen an selber Stelle noch etwas nachrutscht?

Ausschließen kann man das nicht.

Schreckt Besucher das ab?

Nein, ganz im Gegenteil. Gestern waren sehr viele Schaulustige oben an den Klippen und haben gefragt, wo genau die Stelle des Absturzes sei. Sie wollten eine Katastrophe sehen. Warnungen, die wir herausgeben, locken Touristen eher an.

Müssen wir jetzt Angst um unsere schöne Küstenlandschaft im Nationalpark Jasmund haben?

Wir sollten der Natur mit mehr Gelassenheit begegnen. Wenn die Menschen wollen, dass sie so bleibt, müssen sie sich auch mit so etwas anfreunden. Der Rückgang unserer Küste ist ein über Jahre dauernder, natürlicher Vorgang, der verursacht wird durch Frost, Brandung oder Niederschlag. Experten haben ausgerechnet, dass pro 100 Jahre 20 Meter Küste zurückgehen. Das heißt, die Ausflugsgaststätte "Waldhalle", die 200 Meter von der Klippe entfernt ist, würde erst in 1000 Jahren abstürzen.

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