„Wir sind kein armes Land!“

bunyk

Ukrainische Hochschullehrer sind als „Krisenerklärer“ in MV unterwegs/ Die Experten beklagen viel Unwissen über ihr Land

von
07. Juli 2014, 12:13 Uhr

In friedlicheren Zeiten hatten die ukrainische Verwaltungsakademie aus Lwiw (Lemberg) und die Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Güstrow einen regelmäßigen Austausch begonnen. Gerade ist wieder eine Delegation aus Lwiw in MV zu Gast. Mykola Bunyk ist Dozent an der Lemberger Akademie, lehrt dort Grundlagen von Politik und Verwaltung. Dieser Tage diskutiert er häufig mit Deutschen über die Krise in seinem Land. Frank Schlößer sprach mit ihm.

Herr Bunyk, die Ukraine scheint geteilt – fast wie einst Deutschland. Könnte es sein, dass dies auch politisch vollzogen wird?
Nein, diese Teilung ist ein Mythos. In Wirklichkeit gibt es diese Teilung nicht. Das haben auch letzten Wahlen gezeigt: Petro Poroschenko bekam in fast allen Wahlkreisen eine Mehrheit. Noch vor einem halben Jahr waren 45 Prozent für die Annäherung zur EU. Aktuell sind es schon 60 Prozent. Diese Zustimmung ist gleichmäßig über das Land verteilt. Nur in den östlichen Bezirken Donezk und Luhansk gibt es eine Mehrheit gegen die EU.
Aber entzündete sich nicht der große Widerstand, als Ukrainisch zur Amtssprache erhoben werden sollte?
Fast alle Ukrainer sprechen beide Sprachen. Das neue Sprachgesetz hatte nicht die Brisanz, wie es in Deutschland dargestellt wird. Das Parlament wollte die ukrainische Sprache zur einzigen Amtssprache machen, aber der Präsident unterschrieb das Gesetz wohlweislich nicht. Das sind nur politische Spielchen. Schon vor 1991 hatte das Gesetz, dass in der Ukraine nur Russisch gesprochen werden dürfte, keine Relevanz: Es wurde immer und überall auf der Straße ukrainisch gesprochen. Jetzt sollte es genau entgegengesetzt geregelt werden – und es hat wieder keine Relevanz.
Dann wollen sich die Ostukrainer auch nicht Russland anschließen?
Es gibt in der Bevölkerung nicht das Gefühl, dass man sich entscheiden müsste zwischen Russland und der EU. Das ist eine russische Denkfigur, die sie beharrlich pflegen: Hier ist Russland und dort Europa. In Wirklichkeit kommt man nur gemeinsam vorwärts. Es ist beispielsweise so, dass die Menschenrechte in EU-Staaten besser umgesetzt sind als in Russland – in der EU sind sie in Gesetze gegossen worden und können auch tatsächlich eingeklagt werden. Da hat Russland noch ein Stück Weg vor sich. Aber die Richtung stimmt. Deshalb hat es keinen Sinn, einen Gegensatz zu konstruieren: Hier das archaische Russland, dort das moderne Europa. Es gibt auch innerhalb der EU große Unterschiede in dieser Frage.
Das müssen Sie jetzt sagen, weil Sie zur Verwaltung des Präsidenten gehören…
Nein, der Präsident ist weit weg und auch in der Verwaltung gibt es radikale Meinungen. Aber allen ist klar, dass eine schnelle militärische Lösung der Konflikte auch die mit den meisten Todesopfern wäre.
Das politische Spektrum im ukrainischen Parlament ist schwer durchschaubar. Stehen jetzt plötzlich alle politischen Kräfte hinter dem neuen Präsidenten Petro Poroschenko?
Bitte übertragen Sie nicht das Rechts-Links-Schema aus Deutschland. Das ist in der Ukraine ganz anders. Man hört, dass die kommunistische Partei die Separatisten unterstützt. Alles andere ist unsicher: Es gibt die Swoboda-Nationalisten, die Parteien von Vitali Klitschko und Julia Timoschenko und weitere Kräfte. Alle wechseln die politische Richtung, wenn es nötig erscheint.
Werden die Separatisten nun von Putin gesteuert?
Nicht offiziell. Aber es ist ein offenes Geheimnis. Diese Separatisten sind ein Sammelbecken: für russische Geheimdienstler, die offiziell außer Dienst sind, für 500 russische Diversanten, für 5000 russische Kosaken und etwa 15 000 Unterstützer. In die von Separatisten kontrollierten Gebiete strömen aber auch Hochstapler, Marodeure, Terroristen, Kriminelle, Söldner – alle mit eigenen Zielen. Auch die Tschetschenen haben den Konflikt für sich entdeckt. Russische Privatpersonen finanzieren das Chaos – mit aktiver Duldung von Putin. Der könnte diese Unterstützung sofort beenden. Deshalb muss man mit Putin verhandeln.
Da hätte die Ukraine doch schlechte Karten. Sie ist wirtschaftlich abhängig.
Ja, wie viele andere europäische Staaten auch – von Gas und Öl. Andererseits werden in der Ukraine die Atomsprengköpfe für russische Interkontinentalraketen SS18 gebaut. Russische Hubschrauber fliegen mit Motoren aus der Ukraine. Wir sind kein armes Land! Unsere Landwirtschaft arbeitet immer mehr für den Export. Lebensmittel sind bei uns viel billiger als die russischen, so dass die Bewohner der Krim inzwischen über die Preissteigerungen klagen.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen