zur Navigation springen

Flüchtlingstagebuch : Willkommen im Nirgendwo

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Unsere Redaktion begleitet den Syrer Moha in den nächsten Wochen und Monaten. Flüchtlingstagebuch Teil 5

von
erstellt am 02.Okt.2015 | 08:00 Uhr

Moha ist seit über einem Jahr auf der Flucht. Vor drei Wochen erreichte er Deutschland. In MV wartet er auf seine Registrierung. Redakteurin Lisa Kleinpeter begleitet ihn.

„Horst is much better!!!“ Als mich die Nachricht von Moha auf meinem Handy erreicht, denke ich erst an einen Tippfehler – „Horst ist viel besser!!!“, steht da. Dann erscheint ein Bild. Mehrere dünne Matratzen liegen auf dem Boden in einem kleinen Baucontainer. Ihre Ecken sind teilweise mit Klebeband fixiert. Ich bin verwirrt. Sollte Moha nach drei Wochen Erstaufnahmeeinrichtung nicht endlich in eine Wohnung ziehen?

Wieder brummt mein Handy. Moha hat mir seinen neuen Standort geschickt. Der Name des Ortes in Vorpommern sagt mir nichts. Auf der Landkarte kann ich erkennen, dass es dort nur vier Straßen gibt. Mehr nicht. Ein Kiosk? Fehlanzeige. Ich muss auf dem Display sehr lange herauszoomen, um weitere Orte zu erkennen. Moha ist irgendwo im Nirgendwo. Dann wieder eine Nachricht: „Ich bin niedergeschlagen. Bitte ruf mich gleich an.“

Noch einen Tag zuvor war Moha voller Hoffnung. Endlich wurde ihm gesagt, welchem Ort er zugeteilt werden soll – Neubrandenburg. Für ihn ein Grund zum Freuen, denn er wollte gerne in MV bleiben. 9.30 Uhr sollte ihn ein Bus abholen. Der kam jedoch erst 12 Uhr. Dann dauerte es noch einmal zwei Stunden, bis er losfuhr. „Hier stehen so viele Bäume an den Straßen. Sehr schön“, schrieb Moha mir noch. „Das sind Alleen“, schrieb ich zurück.

Um 19 Uhr dann die Ernüchterung. Moha kommt nicht in eine Wohnung, sondern in einen Baucontainer. Mit sieben Männern wohnt er zusammen in einem Raum. In der Küche fehlen Geräte, es gibt nur einen Schlüssel. Ich rufe Moha an. „Wenn du weißt, es ist nur vorübergehend, ist es in Ordnung, aber ich habe Angst, dass ich hier länger bleiben muss. Hier ist es viel schlimmer als in Horst“, sagt er. Ich frage ihn, ob ich vorbeikommen kann: „Ich bin in der Mitte vom Nirgendwo. Du kannst kommen. Ich habe Zeit.“

Mehr zur aktuellen Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen