Film über Flüchtlinge aus MV : „Wenn Fremde näher kommen“

Dieter Schumann zusammen mit dem Syrer Mohas und Editor Bernhard Kübel beim Rohschnitt des Films
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Dieter Schumann zusammen mit dem Syrer Mohas und Editor Bernhard Kübel beim Rohschnitt des Films

Eine Dokumentation über Flüchtlinge in MV aus MV – ehrlich und schonungslos: Wie leben die Neuankömmlinge hierzulande?

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16. Januar 2016, 08:00 Uhr

„Das ist doch bald kein Land mehr, wenn da so viele flüchten. Und durch diesen dummen Krieg – was will man da noch haben, wenn man alle vertreibt? Wofür kämpft man dann noch?“ Es sind die Worte eines Zehnjährigen, die die Situation in Syrien so klar auf den Punkt bringen. Vielleicht besser als es manch ein Politiker je könnte. Der Junge heißt Bjarne – zu sehen ist er in dem Dokumentarfilm „Notaufnahme – wenn Fremde näher kommen“, von Dieter Schumann. Nach seinem Erfolgsfilm „Weltbahnhof mit Kiosk“ bringt der mecklenburgische Regisseur nun einen weiteren Film zur aktuellen Flüchtlingssituation heraus. Er ist ehrlich, schonungslos und unkommentiert. Und genau das macht ihn so gut.

„Der Film war nie geplant für das Fernsehen“, meint Schumann, aber für die breite Öffentlichkeit schon. Der Regisseur will mit seinem Werk durch das Land ziehen, Kommunen, Schulen, Kinos besuchen. Da, wo die Situation besteht, über den Film zu reden. Immer mit dabei: Mohas. Der syrische Flüchtling, den unsere Zeitung bereits seit September vergangenen Jahres begleitet – ist einer der Protagonisten in Schumanns Film. Er und zwei weitere Flüchtlinge sollen bei den Präsentationen dabei sein und im Anschluss Fragen beantworten.

Der Film zeigt das kleine Dorf Zahrensdorf bei Boizenburg, welches ohne Vorankündigung 56 Flüchtlinge in einer Turnhalle aufnehmen musste. Es gibt keine langen Phrasen. Keine Erklärungen. Keine Stimme, die aus dem Off die Situation schildert. Es gibt „nur“ die Protagonisten. Mit ihnen ist alles gesagt: Da ist der ukrainische Vater mit seinen sieben Kindern, der erzählt, wie sich in seinem Land Nachbarn gegenseitig erschießen. Da ist die Familie aus Tschetschenien die bereits das zweite Mal die Flucht nach Deutschland wagt. Weil der Vater von einem Soldaten zusammengeschlagen wurde. Weil sein Sohn alles mitansehen musste. Weil dieser seitdem Angst vor Männern in Uniform hat. Da ist eine Gruppe von Syrern, die sich anbrüllt, wer nun Schuld an dem Krieg in ihrem Land hat.

Und dann gibt es noch Rolf Christiansen, Landrat des Kreises Ludwigslust-Parchim, der sich entschuldigt und zugibt, dass er Zahrensdorf zu spät informiert hätte über die Ankunft der Flüchtlinge, nachdem die Erstaufnahmeeinrichtung in Horst komplett überfüllt war. Und Sozialministerin Birgit Hesse, die hochhackig durch die Turnhalle stakst, um den Flüchtlingen „alles Gute“ zu wünschen und ihnen erklärt: „Wir leben hier in einer anderen Welt.“

Die Hilflosigkeit der Flüchtlinge, die Ohnmacht der Politiker und mittendrin die Bewohner von Zahrensdorf, die einfach mit anpacken. Sie reden nicht, sie handeln. „Wir haben viele Kommunen, die Flüchtlinge unterbringen müssen. Aber sie haben keine Erfahrung“, sagt Schumann. „Sie sehen nur die Nachrichten und hören solche Sachen wie zu den Übergriffen in Köln.“ Der Film soll zeigen, wer hinter dem Begriff „Flüchtling“ steckt. Woher die Menschen kommen und warum sie hier sind.

Der NDR strahlt den Film ein zweites Mal aus. Termin: 25. Januar, 15 Uhr.

Schumann und sein Team seien einfach in die Situation hineingerutscht. Sie hätten das getan, was Dokumentarfilmer machen: gefilmt. Erst auf eigene Kosten, später dann mit Unterstützung der Sparkasse. „Es ist der große Vorteil eines Dokumentarfilms, dass er eine solche spannende historische Situation nicht nur dokumentieren kann, sondern das er sich auch einmischen kann.“

Und das genau will Schumann. Sich einmischen, Diskussionen anregen und so die Angst vor dem Fremden nehmen. Um möglichst viele Menschen zu erreichen, suchen er und sein Team derzeit noch engagierte Unterstützer „Jemand, der die Koordinierung der Termine und Reisen in die Hand nimmt.“ Für die Reisekosten suchten sie außerdem nach Sponsoren, da der Film kostenlos vorgeführt werden soll.

Wie das Projekt funktionieren kann, zeigte die Ausstrahlung des Films „Weltbahnhof mit Kiosk“ im Boizenburger Kino. Der Film handelt von den Besuchern eines Bahnhofsladens der Kleinstadt, der plötzlich Mittelpunkt der Flüchtlingsroute wird. Nach der Vorführung wurde ausgiebig und friedlich diskutiert. Mit so viel Aufmerksamkeit hätte Schumann nicht gerechnet. Über 100 000 Mal wurde der Film in der NDR-Mediathek gespielt, ein YouTube-Schnipsel schaffte es auf mehr als zwei Millionen Klicks.

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Wie ist die Situation der Flüchtlinge in MV?

Kindertagesstätten

Die Sachlage ist eindeutig: Sofern der Aufenthaltstitel verliehen wurde und Flüchtlinge ihren Wohnort frei gewählt haben, besteht Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Kindertagesstätte – für alle Kinder ab dem ersten Lebensjahr, wie auch beim einheimischen Nachwuchs. In Schwerin sei die Lage laut amtierender Jugendamtsleiterin Manuela Gabriel zwar angespannt, aber jedes Flüchtlingskind konnte bislang in einer Kita untergebracht werden. Schwieriger seien die Hort-Kapazitäten, sagt sie. Ulrike Seemann-Katz, Vorsitzende des Flüchtlingsrates Mecklenburg-Vorpommerns, sieht in der Vergabe der Kitaplätze eines der wichtigsten Instrumente der Integration. „Gehen diese Kinder nicht in die Betreuung,  bleiben in der Regel die Mütter zu Hause.“ In diesem Fall würden sie   aber die Sprach- und Integrationskurse verpassen.

Integrationskurse

Wer sich nach der Verleihung des Aufenthaltstitels nicht ausreichend auf Deutsch verständigen kann, muss laut Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge (BAMF) einen Integrationskurs absolvieren. Ausgeschlossen sind nur jene, bei denen kein Integrationsbedarf besteht oder die Schulausbildung nach der Migration in Deutschland absolviert wird. Die Zahl der Kurse ist nachfrageorientiert. Die Deutsche Angestellten-Akadamie in Schwerin leitet zurzeit fünf Kurse mit 16 bis 25 Teilnehmern. Pro Klasse werden ein bis zwei Lehrer eingesetzt. Diese müssen vom BAMF zertifiziert sein. Ein Kurs beinhaltet 660 Lehrstunden: 600 Stunden Deutschunterricht, 60 Stunden über die Geschichte und Kultur des Landes. Das BAMF schätzt, dass im Jahr 2016 deutschlandweit 15 000 Integrationskurse stattfinden werden.

Arbeitsmarkt

Die Auswirkungen der Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt seien noch nicht abzusehen, sagt Regine Rothe, Geschäftsführerin des Jobcenters Schwerin. Bevor sie mit den Flüchtlingen zu tun hätte, „müssen sie in den meisten Fällen den Integrationskurs besuchen“. Die ersten beenden die Kurse im Frühjahr. Danach soll eine Bestandsaufnahme erfolgen: Wie gut ist das Deutsch? Gibt es berufliche Fähigkeiten? Braucht es spezielle Sprachkurse, zugeschnitten auf Berufe? Die Wirtschaft sieht in den Neuankömmlingen eine Chance: Der Fachkräftemangel im Land könnte zumindest in Teilen behoben werden. Lothar Wilken vom Unternehmerdachverband des Landes sagt, er könne sich vorstellen, die Ausbildung für Flüchtlinge flexibel zu gestalten: Eine Erweiterung von drei auf fünf Jahre. Betroffene hätten so mehr Zeit, um Deutsch zu lernen. 

Hilfe

Weniger ankommende Flüchtlinge, aber immer noch viele Helfer: Die in den letzten Monaten aufgebauten Hilfsstrukturen im Land sind auch im neuen Jahr aktiv. Die Bahnhofsmission Schwerin zählt zurzeit jeden Tag 20 bis 40 Flüchtlinge, die über den Hauptbahnhof der Landeshauptstadt reisen. Die 32 ehrenamtlichen Mitarbeiter würden helfen, Flüchtlingen Fahrkarten zu  kaufen, sie zum Gleis zu bringen, ihnen einen Tee zu kochen. Auffällig sei laut Koordinator Marcus Wergin, dass die Abgabe von Spenden zurückgegangen sei. Und in Rostock? „Wir spüren momentan den Rückgang der Flüchtlinge“, sagt eine Sprecherin von Rostock hilft, „aber wir helfen da, wo wir gebraucht werden.“ Meist in den Unterkünften und Wohnungen, in denen Flüchtlinge und Betreuer bereits Freundschaften schließen würden. Stiege die Zahl der Flüchtlinge wieder, „würden wir versuchen, all die Helfer zu aktivieren, die schon einmal dabei waren –  über WhatsApp, Facebook, Twitter.“ 

Wohnen

Die Unterschiede sind groß: Während die Kapazitäten für die dezentrale Unterbringung in Schwerin ausreichen, herrscht in Rostock Wohnungsmangel. Die Stadtverwaltung der Hansestadt plant deshalb ein Wohnungsbauprogramm. Innensenator Chris Müller (SPD) und Sozialsenator Steffen Bockhahn (Die Linke) wollen dabei die Entstehung von sozialen Brennpunkten vermeiden. Die ersten mehrgeschossigen Häuser mit Sozialwohnungen könnten innerhalb von zwölf bis 14 Monaten gebaut werden. Schwerin ist schon weiter: Im letzten Jahr wurden von der Stadt 150 Wohnungen der Wohnungsgesellschaft Schwerin  (WGS) angemietet. Damit schuf Schwerin Platz für rund 600 Personen. Für 2016 habe die WGS die Sanierung von 300 weiteren Wohnungen geplant – unterstützt vom Förderprogramm des Landes. Laut WGS-Chef Thomas Köchig könnte die Stadt sofort etwa 100 Flüchtlinge mit Wohnraum versorgen. sebs

 
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