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Wenn das Kopftuch mehr gilt als das Spiel

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erstellt am 01.Jul.2011 | 08:29 Uhr

Berlin/Potsdam | Früher wurde sie oft für einen Jungen gehalten, ihrer kurzen Haare wegen. Da konnte sie in ihrer Heimat noch ungestört im Park kicken, ganz öffentlich, ohne Schleier - wenn sie nur ihr Basecap tief in die Stirn zog und den Reißverschluss ihrer Trainings-jacke bis oben hin zu.

Wäre sie als Frau erwischt und angezeigt worden, was wäre dann passiert? "Schlimme Dinge", sagt Niloofar nur und rührt weiter in ihrem Tee, an diesem sonnigen Vormittag in einem Café in Berlin Kreuzberg. Sie schaut kurz rüber zu ihrer Freundin Marlene, ohne die sie jetzt nicht hier säße. Dann huscht ein scheues Lächeln über ihr Gesicht. Die junge Iranerin kennt solche Fragen und beantwortet sie lieber so knapp wie möglich. Oder gar nicht, wenn es ihr zu heikel wird.

Manchmal wird sie in Teheran noch auf der Straße angesprochen. Ist sie das nicht, das Mädchen aus diesem Film, mit den David-Beckham-Postern an der Wand, das so verrückt nach Fußball ist? Die Dokumentation "Football Under Cover" beginnt und endet mit Niloofar Basir, die auf einem Sandplatz allein den Ball ins zerfetzte Tornetz schießt, immer und immer wieder. Bis die Jungs kommen und sie das Feld räumen muss. Es ist das Jahr 2005.

Niloofar ist damals 20 Jahre alt, studiert Grafikdesign und kickt in der iranischen Frauen-Nationalelf, die es zu dieser Zeit seit einem Jahr gab. Die jungen Frauen sind noch nie gegen ein Team aus dem Ausland angetreten, schon gar nicht aus dem Westen. Die deutsche Filmstudentin und Fußballerin Marlene Assmann und der iranische Filmemacher Ayat Najafi wollen das ändern und organisieren ein Freundschaftsspiel zwischen dem Kreuzberger Bezirksligaverein BSV AL-Dersimspor und der iranischen Nationalelf. Bezogen auf ein Land, wo Frauen nur hinter verschlossenen Türen Fußball spielen dürfen und draußen bleiben müssen, wenn die Männer ihre Nationalelf im Stadion anfeuern, ist das ein ehrgeiziges Ziel. Und ein hochpolitisches.

Ihr Film "Football Under Cover" dokumentiert eine Entwicklung und befördert sie zugleich. Ohne den Film, ohne den Mut und die Beharrlichkeit der Macher hätte es das Spiel nie gegeben.

Die Szenen dieses Freundschaftsspiels sind überwältigend: Durch Mund-zu-Mund-Propaganda füllen sich die Tribünen an diesem Apriltag 2006 mit mehr als eintausend Iranerinnen. Sie feuern ihr Team an wie Fußballfans überall auf der Welt - mit Gesängen, Freudentänzen und Sprechchören. Als in der Halbzeitpause eine Stadionsprecherin die Frauen ermahnt, sich "angemessen zu benehmen", antworten sie mit politischen Parolen: "Als Frau habe ich nur die Hälfte der Rechte. Es ist unser Grundrecht ins Stadion zu gehen", ruft eine.

Die reformorientierte Tageszeitung "Shargh" ("Osten") schrieb am nächsten Tag, die strengen Sittenwächterinnen hätten nichts ausrichten können. Und: "Zum ersten Mal war es ein Nachteil, Mann zu sein."

So viel Mut liegt in diesem Film, so viel Entschlossenheit, so viel Hoffnung auf Veränderung. Aber jetzt, fünf Jahre später, scheinen die Frauen kaum einen Schritt weiter zu sein. Während die Männer sich von 100 000 Fans in der Azadi-Arena feiern lassen, spielen die Frauen selbst die Asienmeisterschaften vor nur ein paar hundert Zuschauerinnen im armenischen Ararat-Stadion. Während in anderen Sportarten die muslimische Frauenkleidung akzeptiert ist, hat die Fifa die Iranerinnen von der Olympiaqualifikation ausgeschlossen. Der Weltfußballverband, der nach dem Freundschaftsspiel noch von der "Leidenschaft iranischer Fußballfans" schwärmte und die Entwicklung des Frauenfußballs "mit aller Macht vo rantreiben" wollte, akzeptiert keine Kopftücher bei offiziellen Partien.

Anders als Syrerinnen oder Jordanierinnen können es sich die Iranerinnen allerdings nicht aussuchen, ob sie nun kurzärmelig oder im Hidschab spielen. Der Schleier wird mit einer weißen Kappe fixiert und bedeckt Haare, Ohren und Hals, was sowohl Hörvermögen als auch Bewegungsfreiheit einschränkt. Die Fifa spricht von Verletzungsgefahr, das Mullah-Regime pocht auf den Islam. "Ich kann es nicht glauben, das ist so unfair, monatelanges Training, alles umsonst", sagt Niloofar fassungslos.

Auch Marlene Assmann hat kein Verständnis für den Verband: "Die Fifa und das iranische Regime haben ihre Regeln festgelegt und die Iranerinnen haben darunter zu leiden. Für die Fifa sollte es eher möglich sein, die Regeln zu lockern." Aber wie heißt es schon im Film: Das Kopftuch ist wichtiger als das Spiel.

Dabei hatte der Iran schon 1968 eine weibliche Nationalelf im weiß-rot-grünen Trikot, zu dieser Zeit hielten selbst einige deutsche Verbandsfunktionäre den Frauenfußball noch für unschicklich und gesundheitsgefährdend. Dann kam das Jahr 1979, und mit der Iranischen Revolution wurde den Frauen vieles verboten, auch das Fußballspielen. Heute gibt es wieder rund 60 Damen-Teams, vor allem an Schulen und Universitäten in der Hauptstadt Teheran.

Nach Schätzungen spielen 30 000 Frauen Fußball, meist in der Hallenvariante Futsal, abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Auch Niloofar. Bei Tejarat Khane Jonoub, Champion seit 2009, trägt sie die Trikotnummer 12. Zu Hause ist der Verein in Bandar Abbas, einer kleinen Hafenstadt am Persischen Golf. Zum Training und zu Wettkämpfen fliegen sie und die anderen Teheranerinnen.

Seit Anfang Mai ist Niloofar Basir in Deutschland und trainiert mit Kickerinnen aus Berlin und Brandenburg und den Profis von Turbine Potsdam für die kleine WM - das Frauen-Fußball-Kulturfestival "Discover Football" in Kreuzberg. Hier genießt sie eine Freiheit, die hierzulande alltäglich ist: T-Shirt, kurze Jeans und Turnschuhe statt Ganzkörperschleier, Fußball spielen, wann und so sie will. Selbst mit abgeschlossenem Studium sei es schwierig einen Job zu finden, erzählt Niloofar. Ein bisschen Geld verdient die 26-Jährige mit dem Fußballspielen, aber für eine eigene Wohnung reicht es nicht. Heiraten, um von zu Hause auszuziehen, käme für sie nie in Frage. In der Hoffnung auf ein freieres Leben will sie wie viele andere junge Iraner ins Ausland, "am liebsten nach Kanada", und lernt Französisch.

Ihre Freundin Marlene wiederum lernt seit Beginn der Dreharbeiten Persisch und war bereits mehrmals in Teheran, zuletzt im März. Doch es war anders als noch vor zwei Jahren, zum Beginn der Grünen Revolution, als Hunderttausende sich um ihre Stimmen bei der Präsidentschaftswahl betrogen fühlten und aus Protest auf die Straße gingen. "Das waren so viele Menschen, der Polizei gelang es nicht, die Kontrolle zu behalten. Man hatte das Gefühl, dass das ganze Volk hinter der Bewegung steht. Da gab es wirklich hoffnungsvolle Momente", sagt die 29-jährige.

Heute werden Proteste von einer Übermacht von Sicherheitskräften im Keim erstickt, viele Iraner sind resigniert und haben Angst, offen ihre Meinung zu sagen. Und so antwortet auch Niloofar auf entsprechende Nachfragen nur mit einem kurzen Satz: "Tut mir leid, aber ich will wieder zurück."

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