Wende im Fall eines vermeintlichen Mordes

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10. Februar 2010, 07:38 Uhr

Schwerin | Auf den ersten Blick scheint der Fall klar: Ein Mann liegt tot in seiner Wohnung, eine Einstichwunde seitlich am rechten Oberkörper. Die Beamten, die im Juli 2009 an den Tatort in Wismar gerufen werden, finden dort mehrere Messer, eines im Schlafzimmer. Überall ist Blut. Die Lebensgefährtin des 50-Jährigen hatte alles in Bewegung gesetzt, um Hilfe zu holen, gerät aber selbst in Verdacht.

Die seelisch kranke Frau stand offenbar unter dem Einfluss von Medikamenten. Sie wird kurz nach der Tat in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Von dort aus wird sie nun zum Landgericht Schwerin gefahren, wo sie sich seit Januar wegen Totschlags verantworten muss. Sie hat die Tat immer bestritten. Im Prozess schweigt sie.

Doch gestern die Wende im Totschlagsprozess: Nach mehreren Verhandlungstagen erwägen die Richter erstmals auch die Möglichkeit, dass sich der Mann den tödlichen Stich selbst zufügte. Die Aussage eines Polizisten hatte dazu Anlass gegeben. Er will die Frau auf dem Sofa sitzend gesehen haben, den Kopf des Toten auf dem Schoß. "Warum hast du das gemacht? Jetzt stehe ich alleine da!", soll sie leise gewimmert haben. "Der Zeuge hat das deutlich verstanden", sagt Verteidiger Carsten Düwel. In den Ermittlungsakten stehe aber nichts davon. Wohl, weil ein Kollege das Protokoll anfertigte, der die Worte nicht hörte. Dem Vernehmen nach schließt auch der Gerichtsmediziner nach neuerlicher Auswertung der Tatortfotos eine Selbsttötung nicht grundsätzlich aus.

Das Gericht lud neue Zeugen. Gestern hörten sie einen Polizisten und einen Spezialisten des Landeskriminalamtes. Der Polizist hatte den Tathergang rekonstruiert. Seine Analyse ist Teil der Akten. Er geht davon aus, dass im Schlafzimmer ein Streit ausbrach, als es der betrunkene Mann nicht mehr rechtzeitig auf die Toilette schaffte. Erbost über Schmutz und Gestank habe sich im Streit die Frau ein Messer gegriffen und auf den Sitzenden eingestochen. Kampfspuren fanden sich offenbar keine. Der Verletzte sei dann durch die Wohnung gegangen und schließlich auf dem Sofa zusammengebrochen.

"So könnte es gewesen sein", sagt der Mann vom LKA. Aber dies sei nur eine von mehreren Möglichkeiten. Dass der Mann sich selbst getötet haben könnte, hätten sie gar nicht in Erwägung gezogen. Auf der Leinwand im Saal erscheinen Fotos vom Tatort, damit die Zeugen ihre Aussagen erklären können. Als auf einem der blutverschmierte Tote zu sehen ist, schlägt die Angeklagte die Hände vors Gesicht. Sie weint. Geriet sie zu Unrecht unter Verdacht? Zur Aufklärung sollen das Gutachten des Rechtsmediziners und eines Psychiaters beitragen. Bislang sind noch Termine bis März geplant.

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