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Weichei, Drückeberger, Verräter - die Anfänge des Ersatzdienstes

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erstellt am 17.Apr.2011 | 04:22 Uhr

Köln/Stuttgart | "Weichei" sagte man damals noch nicht. Die Begriffe waren so kurz nach dem Krieg militärisch geprägt: Drückeberger, Verräter. So mussten sich junge Männer nennen lassen, die Anfang der 60er-Jahre den Wehrdienst verweigerten und stattdessen einen "Ersatzdienst" leisten wollten. Diejenigen, die abschätzig auf sie herabsahen, waren oft ehemalige Wehrmachtssoldaten.

Am 10. April 1961 hatten die ersten "Ersatzdienstleistenden" angefangen. Demnach wurde der Zivildienst gestern 50 Jahre alt - kurz vor der Aussetzung oder faktischen Abschaffung.

Der 73-jährige Berthold Morlock aus Stetten im Remstal (Baden-Württemberg) war der erste Zivi Deutschlands - er leistete seinen Dienst schon ab, bevor es ihn offiziell gab. Es war die erste Musterung nach dem Zweiten Weltkrieg. Am 1. April 1957 hätte der 19-jährige Maschinenschlosser seinen Dienst an der Waffe beginnen müssen. Doch der Protestant Morlock zögerte: Er erinnerte sich an die Kriegszeit. Als siebenjähriger Junge hatte er erlebt, wie im Nachbarhaus eine Bombe einschlug und Menschen starben. Der Sonntagsschulhelfer Berthold Morlock war bibelfest, wusste von dem Gebot: "Du sollst nicht töten" und dem Vers aus Matthäus 25,52: "Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen."

Der junge Mann kannte aber auch seinen "unverbesserlichen" Vater, einen Prediger. Als Soldat hatte er dem achtjährigen Jungen im Fronturlaub mit Besenstielen beigebracht, wie man die Rohre eines Maschinengewehrs wechselt und nachmunitioniert. Morlock: "Er war Soldat mit Leib und Seele."

Von seinem evangelischen Pfarrer erfuhr Berthold Morlock, dass es das Recht gab, den Wehrdienst zu verweigern. Die Akten von Wehrdienstverweigerern wurden damals gesammelt, bis der "Ersatzdienst" gesetzlich geregelt wurde. Auf diese Weise sollten die jungen Männer nachträglich noch zu dem 1961 eingeführten Zivildienst herangezogen werden können. Wenige Tage, bevor Morlock zur Musterung musste, sah er einen Diavortrag über die Diakonie Stetten und wusste: "Wenn meine Kameraden zur Bundeswehr gehen, dann bin ich kein Drückeberger, sondern gehe nach Stetten."

Prüfung auf Herz und Gewissen

Ohne seine Eltern zu unterrichten - "ich wollte mir den Ärger ersparen" - ging der junge Mann in Begleitung seines Pfarrers zur sogenannten "Gewissensprüfung" für Kriegsdienstverweigerer.

Anscheinend war der Prüfungsausschuss von dem mutigen Auftritt beeindruckt, denn Morlock war bereit, seinen Beruf aufzugeben, um mit behinderten Menschen zu arbeiten. "In seiner Bereitschaft, einen einträglichen Beruf zugunsten einer Tätigkeit in einer Heil- und Pflegeanstalt aufgeben zu wollen, war ein hohes Maß von echter Gewissenhaftigkeit zu erblicken", heißt es im Protokoll.

Der erste Zivi Deutschlands packte seine Koffer und zog in die Schlosserei nach Stetten. Dort half er dem Meister, zehn Menschen mit Behinderung zu betreuen. Am Anfang wurde es geheim gehalten, dass in der "Anstalt" ein Kriegsdienstverweigerer arbeitet. "Die Leute haben immer gerätselt, was macht dieser Mann hier?", erzählt Morlock. Auch der Leiter der Diakonie Stetten, Pfarrer Ludwig Schlaich, soll zuerst skeptisch gewesen sein, änderte aber bald seine Meinung.

Im Jahr 1960 verabschiedete der Bundestag schließlich das "Gesetz über den zivilen Ersatzdienst". Am 10. April 1961 begannen die ersten anerkannten Kriegsdienstverweigerer ihren Einsatz. Berthold Morlocks Arbeit in Stetten wurde rückwirkend als Zivildienst anerkannt.

Morlock ist in der Stettener Diakonie "hängengeblieben". Dort lernte er auch die Erzieherin Irma kennen, seine heutige Frau. Bis zu seinem Ruhestand arbeitete er in der Schlosserei. Bereut hat es der heute 73-Jährige nicht, dass er den Dienst an der Waffe verweigert hat. "Ich glaube, mein Zivildienst war erlebnisreicher als jeder Wehrdienst."

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