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Was ein blauer Himmel kostet

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erstellt am 30.Mär.2012 | 08:47 Uhr

Castrop-Rauxel | Der Satz ist immer wieder zu hören: Eines Tages wird der Himmel über dem Ruhrgebiet blau sein - so hatte es Willy Brandt versprochen. Es kam wie vorhergesagt, doch anders, als der Sozialdemokrat gedacht haben dürfte. Zum Beispiel in Castrop-Rauxel, Nordrhein-Westfalen. Eine Stadt im Südzipfel des Kreises Recklinghausen, die an Dortmund, Bochum und Herne grenzt, in einem Ballungsraum mit mehr als fünf Millionen Menschen. Eine Stadt, die sich einst "Industriestadt im Grünen" nannte. Später wurde Industrie durch Europa ersetzt.

Lange vor dem Aufbau Ost kam der Abschwung West über Castrop-Rauxel, "Europastadt im Grünen". Wobei Grün keinesfalls Etikettenschwindel ist: 46 Prozent der Fläche sind von Parks, Bäumen und Wäldchen bedeckt. Es gibt einen Golfplatz und ein Netz aus Schifffahrtskanälen mit Yachthafen und Bundesliga-Ruderklub.

Brandts Erben haben an diesem Abend in der Wanne zu tun. So heißt die Straße mit dem Jugendklub "Trafo". Johannes Beisenherz, hauptamtlicher Bürgermeister mit SPD-Parteibuch, und sein ehrenamtlicher Stellvertreter tragen ein Kochduell mit Vertretern des Kinder- und Jugendparlaments aus. Suppe köchelt. Süß-sauer, was ziemlich genau die Stimmungslage des Stadtoberhaupts beschreibt, wenn es um den Solidarpakt, die Hilfen des Westens für den Osten, geht. "Es ist ärgerlich, dass so ein richtiges, unterstützendes Instrument für uns solche Folgen hat", sagt er. Natürlich musste verhindert werden, dass der Osten Deutschlands eine ähnliche Entwicklung nimmt, wie der Süden Italiens. Jetzt aber, gut 20 Jahre später, "sind wir hier in der Situation, wie es der Osten war".

Rund 20 000 Arbeitplätze sind der Stadt verloren gegangen, 4000 auf einen Streich, als 1983 das letzte von fünf Kohlebergwerken aufgeben musste. Keine 700 entstanden neu in dem Gewerbe- und Landschaftspark auf dem Gelände der ehemaligen Zeche "Erin". Die meisten, die Arbeit haben, pendeln in die umliegenden Metropolen, vier Züge fahren pro Stunde vom Hauptbahnhof in alle Richtungen. Unter anderem nach Bochum, wo allein im Opelwerk geschätzte 300, 400 Frauen und Männer aus Castrop-Rauxel beschäftigt sind. Ralf Danszczyk ist Betriebsratsvorsitzender bei Rütgers, dem größten industriellen Arbeitgeber in Castrop-Rauxel. Das Unternehmen gewinnt Teer. Früher nutzte es die Steinkohle vor der Haustür, heute importiert es Rohmaterial aus aller Welt. Danszczyks nennen sich "Rütgersianer" - Großvater, Vater und Mutter. Sohn Ralf fing seine Schlosserlehre 1976 an. "Mehr als 2000 Menschen haben bei Rüttgers gearbeitet", sagt er. Als Ralf Danszczyk 2008 Betriebsrat wurde, waren es noch 600. Heute sind es 450 Stammbeschäftigte und Auszubildende, zudem hängen 150 Arbeitsplätze in Fremdfirmen vom Unternehmen ab. Die Diskussion West gegen Ost erscheint ihm viel zu populistisch. "Da sind Standorte, denen geht es gut und andere, da muss etwas passieren. Und die gibt es im Westen und im Osten."

An die 50 Millionen Euro hat Castrop-Rauxel seit 1991 in den Solidarpakt gezahlt, ungefähr so viel, wie die Verwaltung der Stadt in einem Jahr kostet. Jedes Bundesland regelt, wie und woher es das Geld für den Aufbau Ost beschafft. NRW zweigt es seinen Kommunen über die Gewerbesteuerumlage ab. 2011 waren es für Castrop-Rauxel 1,2 Millionen Euro. "Man muss wissen, dass wir das über Kredite finanzieren", sagt Bürgermeister Beisenherz. Was Privatleute als Dispo-Kredit bei der Bank kennen, lastet als Kassenkredit auf seiner Kommune: Aktuell rund 180 Millionen Euro, Tendenz steigend.

Um die Spirale zu stoppen, hat das Land NRW den "Stärkungspakt Stadtfinanzen" für 34 Städte aufgelegt. Castrop-Rauxel erhält bis 2016 jährlich knapp 13 Millionen Euro - vorausgesetzt die Stadt spart, spart, spart. Ideen sind gefragt. "Alles steht auf dem Prüfstand", wie es bei solchen Gelegenheiten heißt. Keine kostenlosen Turnhallen mehr für Sportvereine? Kein Gratis-Eintritt in Bibliothek, Hallen- und Freibad für sozial Schwache? Keine Neueinstellungen im Rathaus? Zum Glück konnte der Sanierungsstau an den Schulen in den vergangenen Jahren abgearbeitet werden.

Laura Konieczny und ihre Mitschüler vom Abiturjahrgang 2012 wissen bereits, was sie für den Sparkurs ihrer Heimatstadt zu zahlen haben - 2000 Euro Miete für den Abschlussball in der Europahalle. "Wir sind die Ersten, die keinen Zuschuss mehr bekommen", sagt die 19-Jäh rige. Mit Hilfe von Sponsoren und aus eigener Kraft müssen sie die Lücke schließen.

Im Haus der Begegnung an der Langen Straße von Habinghorst wird einmal die Woche gemeinsam gefrühstückt. Habinghorst ist einer von 15 Stadtteilen in Castrop-Rauxel, jeder eine Kleinstadt für sich mit Kirchturm und Ortseingangsschild. Heute ist es rappelvoll. Die meisten Gäste können sich gut an die Glanzzeiten des Boulevards Lange Straße erinnern, bevor die großen Einkaufszentren in Mode kamen. Manchem fällt es schwer, das Etikett "Soziale Stadt" zu tragen. Immerhin kümmert sich das gleichnamige Förderprogramm vorerst bis 2014 mit Geld von EU, Bund, Land und Stadt darum, das Zentrum von Habinghorst wieder attraktiver zu machen und die Abwanderung zu stoppen. Abwanderung in andere Stadtteile und über die Stadtgrenzen hi naus. Noch Mitte der 1970er-Jahre hatte Castrop-Rauxel die 100 000-Einwohner-Grenze angepeilt und einen dänischen Stararchitekten beauftragt, einen würdigen Stadt-Mittelpunkt zu schaffen. Rathaus, Stadthalle, Europahalle, Sportplatz und Hallenbad. Geblieben sind zumeist Sanierungsfälle wie die Lange Straße.

Als Manfred Pietschmann 1972 nach Castrop-Rauxel kam, wollte er zunächst gar nicht bleiben. "Es stank fürchterlich und war schmutzig", sagt er. Doch als "Eisenbahner mit glühendem Herzen für den Güterverkehr" ließ ihn das geschäftige Treiben der Industriestadt nicht los. "Es hat gebrummt damals, unglaublich." Manfred Pietschmann blieb und blickt heute als Pensionär auf die vergangenen 40 Jahre zurück. "Allein schon, wie sich die Kneipenlandschaft verändert hat..." Die Trinkhallen, in denen die Kumpel morgens um 6 nach der Schicht die Kehle gespült haben, sind verschwunden. Ebenso die vielen Taubenschläge, in denen sie die "Rennpferde des kleinen Mannes" züchteten. Es sei ruhiger geworden. Sauberer. "Ja, durchaus schöner. Wie’s schon Willy Brandt gesagt hat: Blauer Himmel."

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