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Marina starb bei der Loveparade : Was bleibt, ist Trauer

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Von einem großen Foto strahlen Edith Jakubassa jeden Tag die Augen ihrer Tochter an. Die Haare fallen ins Gesicht. Das Mädchen lächelt zurückhaltend. Um den Rahmen ist ein Trauerflor gebunden.

svz.de von
erstellt am 22.Jul.2011 | 09:16 Uhr

Duisburg | Von einem großen Foto strahlen Edith Jakubassa jeden Tag die Augen ihrer Tochter an. Die Haare fallen ins Gesicht. Das Mädchen lächelt zurückhaltend. Um den Rahmen ist ein Trauerflor gebunden. Marina, das Mädchen auf dem Bild, ist seit fast einem Jahr tot.

Am 24. Juli war die 21-Jährige mitten im Gedränge an der Rampe zum Loveparade-Gelände. "Mir ist so warm, ich krieg keine Luft", rief sie ihrem Begleiter Adrian noch zu, der sie an der Hand hielt. Dann verließ sie die Kraft im tödlichen Gedränge. Sie sackte nach unten. Adrian konnte sie nicht halten, nicht herausziehen, er wurde weitergeschoben, erzählt ihre Mutter. Sie spricht mit gesenktem Kopf und kämpft mit der Erinnerung und den Tränen. Ihren Job im Service eines Krankenhauses konnte sie nach der Katastrophe nicht mehr ausüben. Auch ein anderer Job platzte. "Ich hab die einfachsten Sachen nicht mehr hingekriegt."

Am Tag der Loveparade hat Edith Jakubassas Lebensgefährte Friedhelm Scharff Marina morgens zur Arbeit gefahren. Sie lernte Friseurin. Auf dem Weg trafen sie viel Polizei, die auf dem Weg zum Loveparade-Gelände war. "Dann kann ja nichts passieren", witzelten die beiden.

Edith Jakubassa schaute die Loveparade im Fernsehen an. Dann kam die Meldung: Massenpanik, zehn Tote. Sie habe Marina immer wieder auf dem Handy angerufen, erzählt sie. Doch das Handy netz war zusammengebrochen. Endlich erreichte sie Adrian. "Ich weiß nicht, wo sie ist", stammelte er. Dann kam der Anruf aus einer Duisburger Klinik. Marina war mehrfach reanimiert worden und lag im Koma.

"Mein altes Leben krieg ich niemals wieder"

Unheimlich sei es gewesen, wie sie äußerlich unversehrt in dem Krankenhausbett lag, nur von Maschinen am Leben erhalten. Der Oberarzt sagte der entsetzten Mutter, alle Organe mit Ausnahme des Herzens seien unwiderruflich geschädigt. "Glaub ich nicht, war meine erste Reaktion." Irgendwann begriff sie: Marina hatte keine Chance mehr. Zwei Tage nach der Katastrophe stellten die Ärzte die Maschinen ab.

Seitdem hat Edith Jakubassa ihre Mitte verloren. Sie trägt Kleider ihrer toten Tochter, Marinas Bilder hängen im Wohnzimmer und in der Küche. Marinas Zimmer hat sie irgendwann ausgeräumt, Marinas Bruder Mike wohnt jetzt dort. Etwas Trost hat ihr direkt nach der Katastrophe ein Anruf von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft gespendet. "Wir haben zusammen am Telefon geheult." Die Begegnungen mit anderen Angehörigen von Opfern sind wie Familientreffen. Doch wirkliche Erleichterung gibt es nicht mehr. "Mein altes Leben krieg ich niemals wieder."

Bei einer Gedenkfeier im Duisburger MSV-Stadion werden morgen mehrere tausend Besucher erwartet. Geplant ist ein zweistündiges Programm, bei dem Kirchenvertreter und Betroffene des Unglücks sprechen. Anschließend haben die Angehörigen Gelegenheit, im Unglückstunnel still zu trauern. Unmittelbar vor dem Jahrestag hat der nordrhein-westfälische Landtag gestern der Opfer gedacht und demonstrativ auf politischen Streit über die Unglücksursachen verzichtet.

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