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Hauptstadtstreit 1990 : Warum Schwerin gegen Rostock gewann

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eine der ersten und wichtigsten Entscheidungen des Landtages

von
erstellt am 14.Okt.2015 | 12:00 Uhr

Ein Schicksalstag für das junge Mecklenburg-Vorpommern. Am 27. Oktober 1990 – nur zwei Wochen nach der ersten Landtagswahl – sollten die 66 Abgeordneten über die künftige Hauptstadt abstimmen. Schwerin oder Rostock, Tradition oder Moderne.

Monatelang wurde zeitweise mit harten Bandagen gekämpft. Dabei war Schwerin zuerst klar im Vorteil. Denn als man Anfang 1990 in der untergehenden DDR erstmals begann, die Länderbildung ernsthaft zu diskutieren, träumte man an der Warnow noch von der Freien und Hansestadt Rostock. Die Zugehörigkeit zu Mecklenburg-Vorpommern war nicht das Ziel. Die ehemalige herzögliche Residenzstadt Schwerin war dagegen als künftige Landeshauptstadt fast schon gesetzt.

Doch ausgerechnet Vertreter der Partnerstadt Bremen rieten den Rostockern Anfang Februar 1990 von der Freien und Hansestadt und der kleinstaatlichen Lösung ab. Die Bremer hatten ihre eigenen Erfahrungen. Rostock wollte dann aber als größte Metropole im neuen Bundesland Landeshauptstadt sein. So fing der ganze Ärger an.

Der Streit eskalierte erstmals am 22. Mai 1990, als der Regionalausschuss „Verwaltungsreform“ der drei DDR-Nordbezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg tagte. Vertreter des Rostocker Neuen Forums wollten einen Volksentscheid über die künftige Landeshauptstadt bei der DDR-Regierung beantragen lassen. Die Schweriner verließen daraufhin wutentbrannt den Saal und verhinderten so die Abstimmung über den Antrag des Neuen Forums. Grund: Der Bezirk Rostock hatte knapp eine Million Einwohner, der Bezirk Schwerin dagegen nicht einmal 600  000. Dort konnte man sich lebhaft vorstellen, wie ein Volksentscheid ausgegangen wäre. Also wurde die Lösung vertagt.

Nach dem Ländereinführungsgesetz der Volkskammer im Juli 1990 drückte die Zeit. Um mit den Vorbereitungen für die neue Landesverwaltung Mecklenburg-Vorpommerns anfangen zu können, sollten die Kreistage und Stadtverwaltungen bis zum 15. August per Abstimmung eine Vorentscheidung über die künftige Landeshauptstadt treffen. Damit kam die große Stunde des agilen Schweriner Regierungsbeauftragten Georg Diederich. Er ließ damals Einladungen an hunderte Kommunalpolitiker in allen drei Nordbezirken verschicken, dirigierte Busse durchs Land und organisierte Werbung vom Feinsten. „In den nächsten Wochen kamen viele Kreistage und Stadtvertretungen nahezu komplett mit Charterbussen zum Hauptstadt-Sightseeing nach Schwerin“, schreibt Diederich in seinen Erinnerungen.

Außerdem wurde beim renommierten Hamburger Verwaltungsexperten Werner Thieme ein Gutachten in Auftrag gegeben, das die Vorzüge Schwerins hervorhob. So waren in der einstigen Residenzstadt viele Verwaltungsgebäude bereits vorhanden, die in Rostock erst hätten gebaut werden müssen. Auch habe Rostock mit Universität, Hafen und Industrieansiedlungen bereits reichlich Entwicklungspotenzial, so Thieme.

Wenig Zustimmung in den Regionalgremien und in der Bevölkerung fand damals ein Vorschlag des CDU-Landesvorsitzenden und späteren Bundesverkehrsministers Günther Krause: Rostock sollte Regierungssitz werden, Schwerin hätte sich dafür Hauptstadt von Mecklenburg und Stralsund Hauptstadt von Vorpommern nennen dürfen.

Am 17. August 1990 wurde das Ergebnis der Vorentscheidung bekanntgegeben: 24 Kreistage und Stadtvertretungen entschieden sich für Schwerin und 13 für Rostock. Doch die endgültige Entscheidung sollte im Landtag fallen. Der wurde nach der Vorentscheidung allerdings im Schweriner Schloss und nicht im Rostocker Ständehaus eingerichtet.

Am 27. Oktober 1990 fiel die Entscheidung dann doch deutlicher als gedacht aus – 40 der Abgeordneten stimmten für Schwerin und 15 für Rostock, eine Stimmenthaltung.

Die wohl rührendste Geschichte im Hauptstadtstreit lieferte Bertha Klingberg. Die damals 91-jährige Blumenfrau sammelte 17000 Unterschriften für Schwerin. Die stadtbekannte Ehrenbürgerin starb im Alter von 107 Jahren in einem Pflegeheim in ihrer Heimatstadt.

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