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Diskussion : Warum es keine gerechte Strafe gibt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Justizministerin Uta-Maria Kuder diskutiert mit einer Schweriner Schulklasse das Thema Todesstrafe

svz.de von
erstellt am 25.Jan.2014 | 08:42 Uhr

Die Todesstrafe kennzeichne einen totalitären, nicht aber einen Rechtsstaat. Sie sei eine „veraltete und unmenschliche“ Strafe. Mit klaren Worten hat Mecklenburg-Vorpommerns Justizministerin Uta-Maria Kuder (CDU) gestern vor einer Schweriner Schulklasse Position gegen die endgültigste aller Strafen bezogen. Zweifellos fand sie mit dieser Position breite Unterstützung bei den Abiturienten der katholischen Nils-Stensen-Schule. Aber leicht machten es sich die Schüler keineswegs, als sie einen Vormittag lang über das Für und Wider sprachen – zumal die weiter gefasste Frage nach der „gerechten Strafe“ offen blieb.

Eine für andere potenzielle Täter abschreckende Wirkung der Todesstrafe sei nicht nachgewiesen, so die Justizministerin. Im Falle eines Fehlurteils könne die Strafe nicht mehr zurückgenommen werden. Die Todesstrafe lasse dem Täter keine Chance zur Wiedergutmachung. Jede Hinrichtung sei grausam und mit der Würde des Menschen, die auch dem Täter zustehe, nicht vereinbar. Ein Staat, der töte, mache sich selbst zum Unrechtsstaat, befand Kuder.

Mit der kompakten Unterrichtseinheit bereiteten sich die Schüler auf die Oper „Dead Man Walking!“ vor, deren Premiere sie gestern im Mecklenburgischen Staatstheater besuchen wollten. „Dead Man Walking!“ rufen Wächter und Insassen in den Gefängnissen der USA, wenn ein Todeskandidat zur Hinrichtung geführt wird. Das Stück handelt von einem brutalen zweifachen Mörder, der Gehör und Unterstützung einer katholischen Schwester findet. Es geht um den Schmerz der Eltern der getöteten Jugendlichen und deren Wunsch nach Vergeltung, und um die Mutter des Verurteilten, die dem Tod ihres Sohnes entgegensehen muss. Es geht um Schuld, Sühne und Vergebung.

Auch wenn sie insgesamt gegen die Todesstrafe sei, bekannte Abiturientin Paula, würde sie jedem den Hals umdrehen wollen, der ihrer kleinen Schwester etwas antue. Auch Nele deutete Verständnis an, wenn Polizisten einem Kindesentführer Folter androhen, damit er verrät, wo das Opfer versteckt ist.

Kuder hatte Verständnis für diese Emotionen. Wahrscheinlich würde auch sie so reagieren, wenn ihr Kind ermordet werden würde. Aber „zum Glück“ befinden unabhängige Richter über Schuld und Strafe, die diesen Emotionen weniger Raum lassen. Außerdem sei es ein Irrglaube, der Tod des Täters könne die eigene Trauer mildern.

Lisa Marie wollte den Handel mit den USA infrage stellen, weil dort die Todesstrafe nicht landesweit geächtet wird. Obwohl sie sich wie die Gegner auf die Bibel berufen, befürworten viele US-Bürger die Todesstrafe, weil sie die christliche Lehre sehr viel „konservativer“ auslegen als es in Deutschland geschehe, einigten sich die Diskutanten. Auch haben die USA nicht den historischen Bruch nach dem Nazi-Regime erlebt, der in der Bundesrepublik dazu führte, die Todesstrafe abzuschaffen.

Mit einer Aussage überraschte Kuder die Abiturienten: Es gebe keine gerechte Strafe. Mit ihrer Erläuterung aber überzeugte sie Schüler wie Jascha. Es sei schwer, allen Betroffenen – dem Täter, dem Opfer, der Gesellschaft insgesamt – gerecht zu werden. Ein Urteil könne nur versuchen, die bestmögliche Balance zu finden.

Einen anderen Weg, sich dem Thema zu nähern, zeigte Kornelia von Berswordt-Wallrabe den Schülern auf. Die ehemalige Direktorin des Staatlichen Museums Schwerin diskutierte mit ihnen über ein Werk des Künstlers Günther Ueckers. Uecker wuchs auf der Halbinsel Wustrow auf. Als 15-Jähriger wurde er kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs unmittelbar mit dem Untergang von Flüchtlingsschiffen konfrontiert, die von britischen Bombern versenkt wurden. Uecker musste zahllose am Strand angespülte Tote beerdigen. Sie sei sehr beeindruckt, wie Uecker dieses Erlebnis in einer Skulptur verarbeitet habe, berichtete Josephine. Uecker habe „Vergebung dargestellt, ohne vorher Schuld zuzuweisen“.



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