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Warten auf die Langsamen aus Kiel...

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erstellt am 13.Jul.2011 | 06:49 Uhr

Gallin | Es fehlt das Stück zwischen den Masten 111 und 61. Der eine steht fast mitten auf der alten Staatsgrenze, der andere irgendwo bei Schwarzenbek. Es gibt keine Bürgerproteste gegen das Vorhaben, es gibt keine widerspenstigen Grundeigentümer, doch es gibt eine mächtige Bürokratie. Und die setzt das Genehmigungsverfahren auf den Punkt genau und gesetzestreu um. Formal ist damit alles in Ordnung, in der realen Welt versteht die Verzögerung bei dieser dringend benötigten Stromleitung schon lange kein Mensch mehr.

Volker Kamm, Sprecher der Firma "50 Hertz-Transmisson GmbH" bleibt vorsichtig als er sagt: "Wir wissen nicht, wann es weitergeht. Wir hoffen nur, dass es möglichst schnell geht. Nach meinen Informationen geht es nur noch um die Ausgleichs- und Ersatzpflanzungen." Deutlicher kann er nicht werden, die Bürokratie eines von 16 Bundesländern könnte schließlich noch mehr auf stur schalten.

Dabei hatte noch im vergangenen Jahr alles so gut ausgesehen, galt eher Mecklenburg-Vorpommern ob einiger Bürgerproteste und unnachgiebiger Grundstücksbesitzer als das eigentliche Problemland. Doch MV machte dann seinem Namen als Energieland alle Ehre, die Ministerialbürokratie spielte mit. Selbst die in einigen Fällen zumindest angedrohte Enteignung war kein Problem. Warum auch, schließlich war die Trasse, war das Projekt seit Jahren bekannt, wurde ausführlich vorgestellt und nach Protesten in einigen Details auch geändert. Die paar Kilometer, die in Schleswig-Holstein noch gebaut werden mussten, galten als nachrangiges Problem. Schließlich gibt es von Krümmel in Richtung Schwarzenbek bereits eine 380-KV-Leitung, deren Ende nur mit dem Mecklenburger Ende verbunden werden müsste. Doch dann kam ein neues Gesetz und mit ihm die Auflage, das ganze Verfahren noch einmal durchzuspielen.

CDU-Abgeordneter: Mehr als nur ein föderales Trauerspiel

Obwohl der letzte Mecklenburger Mast einsam und verdeckt am alten Grenzwald in Gudow steht, hat er doch auch schon in Berlin für erhebliches Aufsehen gesorgt. Dietrich Monstadt, Bundestagsabgeordneter der CDU, hatte sich z. B. des Falls angenommen. Für den CDU-Politiker ist das Ganze mehr als ein peinliches Trauerspiel, das nun endlich beendet werden müsse. Die Leitung diene schließlich der Versorgungssicherheit in ganz Norddeutschland. Doch angesichts der von der Koalition beschlossenen Stromwende steckt hinter dem Fall noch viel mehr. Monstadt: "Für mich ist diese Leitung der Beweis, dass wir für den Bau neuer Leitungen, dass wir für wichtige Infrastrukturprojekte andere und vor allem wesentlich schnellere Verfahren brauchen. In diesem Tempo bekommen wir keine der benötigten Leitungen fertig."

Zugleich ist das Schicksal der unfertigen Nordleitung auch ein Paradebeispiel dafür, wie schädlich der Föderalismus sein kann. In dem einen Land wird die Sache konsequent und dabei nach Recht und Gesetz durchgezogen, in dem anderen Land versteckt sich die Bürokratie hinter Gesetzen.

Inzwischen ist die gewaltige aber bisher unfertige Leitung ein Symbol gescheiterter Investitionen geworden. So verwies Wirtschaftsstaatssekretär Rüdiger Möller aus Schwerin vor wenigen Tagen bei der EMH-Grundsteinlegung auf die hinter ihm verlaufende Leitung und wünschte dem neuen Unternehmen ein besseres Gelingen.

Unter den Fachleuten hat die Nordleitung, die von Schwerin weiter nach Güstrow verläuft, auch noch eine weitere Bezeichnung: "Windsammelschiene". Der Grund ist schnell beschrieben. Mecklenburg-Vorpommern hat im Vergleich zu anderen Bundesländern viel zu wenige Strom-Verbraucher, dafür nimmt die Zahl der Stromproduzenten, ob Biogas, Windenergie oder Solar, ständig zu. Doch ein Großteil des 110-KV-Hochspannungsnetzes in Westmecklenburg stammt noch immer aus den 1930-er Jahren. Zudem gibt es nur sehr wenige Verbindungen zwischen dem Stromnetz Ost und dem der alten Länder. Die unfertige Leitung wäre eine solche Verbindung, die helfen könnte, die immer stärker werdenden Schwankungen auszugleichen. Doch bis dahin werden nach den letzten Informationen wohl doch noch Monate vergehen. So bleibt der Trost, dass wenigstens die Wemag einen Teil der Trasse für das Unterhängen einer neuen Stromleitung im 110-KV-Bereich genutzt hat. Als Nebeneffekt wurde die Stromversorgung Wittenburgs und Zarrentins sicherer gemacht, weil für diese Bereiche nun eine Ringleitung besteht. Das ändert jedoch nichts daran, dass die bis zu 72 Meter hohen Masten bisher sinnlos in der Landschaft stehen.


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