Engagement ausgebremst : „Von Inklusion meilenweit entfernt“

Ein aktuelles Thema.
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Lebenshilfe sieht sich in ihrem Engagement für geistig Behinderte ausgebremst

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18. September 2015, 08:00 Uhr

Auch ein Mensch, der nicht sprechen kann, hat etwas zu sagen. Auch ein Mensch, der nicht zählen kann, zählt. Seit Juni 1990 engagiert sich die Lebenshilfe unter diesem Motto in Mecklenburg-Vorpommern für geistig behinderte Menschen.

Indess: Nach Feiern ist den Mitstreitern der Lebenshilfe im Jubiläumsjahr nur begrenzt zumute, weil zu viele ungelöste Probleme anstehen. In den zwölf Wohnstätten, die die Lebenshilfe in MV für insgesamt 750 Menschen mit geistiger Behinderung unterhält, hat sich der Personalschlüssel seit 20 Jahren nicht verändert, beklagt die Landesgeschäftsführerin der Vereinigung, Dr. Karin Holinski-Wegerich. Dabei sei der Betreuungsaufwand inzwischen sehr viel größer, denn nur noch besonders schwer Geschädigte würden in den Gruppen betreut. Weil das Durchschnittsalter der Bewohner heute sehr viel höher sei, wäre zudem auch der Aufwand für die pflegerische Versorgung gestiegen. Zahlen aber wolle niemand dafür.

Adressaten dieser Kritik sind in erster Linie die Kommunalen Spitzenverbände als Träger der Sozialhilfe, aber auch die Pflegekassen. Erstere würden seit langem eine Änderung des Landesrahmenvertrages und damit des Personalschlüssels verweigern, bedauert Holinski-Wegerich. Daran hätte auch das Einschalten des Bürgerbeauftragten bislang nichts geändert.

Eine andere Sorge, die die Eltern in der Lebenshilfe umtreibt, sind die Beschäftigungschancen für ihre schwerstbehinderten Kinder. „Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind gleich Null. Sogar eine Tätigkeit in der Werkstatt bleibt ihnen oft verwehrt“, weiß Landesvorsitzende Hannelore Lüdtke. Dabei würde die UN-Behindertenrechtskonvention, die für Deutschland seit sechs Jahren bindend ist, den Zugang zur Arbeit für alle Menschen mit Behinderung vorschreiben. Tatsächlich aber „sind wir von Inklusion meilenweit entfernt“, bedauert die Landesvorsitzende. Nordrhein-Westfalen sei das einzige Bundesland, das allen infrage kommenden Menschen tatsächlich die Arbeit in einer Werkstatt ermögliche. Hier dagegen landeten viele Betroffene in Fördergruppen, in denen sie weder Geld verdienten noch Rentenansprüche erwerben könnten.

Tatsächlich aber erreichen inzwischen immer mehr geistig Behinderte das Rentenalter. Ohne eigenen Rentenanspruch seien sie voll auf Sozialhilfe angewiesen. Und: „Die Wohnstätten sind auf ihre Betreuung überhaupt nicht eingestellt“, ergänzt Holinski-Wegerich, „dabei brauchen diese älteren Behinderten eine ganz andere Tagesstruktur als jüngere.“

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