zur Navigation springen

Plau am See : Von allen Ämtern verlassen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Politiker reden gern von Verbesserungen in der Pflege – eine Familie in Plau am See erlebt gerade, dass das kaum mehr als Lippenbekenntnisse sind

svz.de von
erstellt am 14.Jan.2015 | 12:00 Uhr

Januar 2015. Annaliese Kasch hat sich besonders fein gemacht: Ihr Sohn wird sie gleich nach Alt Schwerin zur Rommé-Runde bringen. Seit Jahren gehört die ehemalige Kindergärtnerin zu dem Kreis. Doch an diesem Tag wird sie zum letzten Mal mitspielen. „Es geht einfach nicht mehr“, sagt die zierliche Seniorin leise. Zwar kann sie sich mit Hilfe noch aus ihrem Lehnsessel nach oben stemmen. Doch allein zu gehen schafft sie schon lange nicht mehr. Knochen und Gelenke sind verschlissen, erzählt sie. Auch die Lunge und das Herz bereiten Probleme. So kann die 88-Jährige sich nur noch im Rollstuhl fortbewegen – richtiger: bewegen lassen, denn ihre Schultern und Arme sind nicht mehr stark genug, um das Gefährt allein voranzutreiben.

Vor gut zwei Jahren ist Annaliese Kasch aus Penzlin zu Sohn und Schwiegertochter nach Plau am See gezogen. Das Ehepaar hat für sie sein Schlafzimmer geräumt, ebenerdig, mit großen Fenstern, die auf die Terrasse hinausgehen. „Meine Kinder kümmern sich gut um mich“, sagt die Seniorin voller Dankbarkeit.

Dabei weiß sie längst nicht alles, was Wolfgang und Elisabeth Kasch tatsächlich für sie tun. In einem Ordner haben die beiden zusammengefasst, wie sie in den letzten Monaten um Erleichterungen für die Mutter gekämpft haben – die zugleich auch ihr eigenes Leben erleichtern würden. Von der „spürbaren Verbesserung“, die der Bundesgesundheitsminister verkündet hat, ist bei ihnen indes noch nichts angekommen.

Wolfgang Kasch war 30 Jahre lang Pastor. Gesundheitliche Gründe zwangen ihn in den Vorruhestand. Anfangs übernahm deshalb vor allem er die Betreuung seiner Mutter. Doch deren Zustand verschlechterte sich immer weiter. Elisabeth Kasch, die Krankenschwester und in einer Diakonie-Sozialstation beschäftigt ist, entschloss sich deshalb, ab Anfang November Pflegezeit zu nehmen, um sich rund um die Uhr um ihre Schwiegermutter kümmern zu können.

Den Rechtsanspruch auf diese sechsmonatige unbezahlte Freistellung haben Arbeitnehmer in Unternehmen mit mehr als 15 Beschäftigten schon seit Längerem. Seit Anfang dieses Jahres haben sie nun zudem einen Anspruch auf ein zinsloses Darlehen, mit dem der Einkommensverlust abgefedert werden kann. Neu eingeführt wurde außerdem eine bis zu 24-monatige „Familienpflegezeit“. In diesem Zeitraum kann die Arbeitszeit auf – im Jahresdurchschnitt – bis zu 15 Stunden pro Woche reduziert werden. Den Einkommensverlust allerdings gleicht niemand aus. Und: Viele Beschäftigte sind von dem Rechtsanspruch von vornherein ausgenommen, denn er gilt nur in Betrieben mit mehr als 25 Beschäftigten – und nicht für Auszubildende.

Im Alltag zeigen sich noch mehr Tücken. „Meine Frau ist bei der Techniker Krankenkasse offenbar ein Präzedenzfall“, beklagt Wolfgang Kasch. Anders jedenfalls könne er sich nicht erklären, dass nach drei Monaten immer noch nicht geklärt ist, ob und wie sie während der Pflegezeit krankenversichert ist. „Das kann doch nicht sein – die TK ist Deutschlands größte Krankenkasse“, erregt sich der Plauer. Dort müsse man doch Bescheid wissen. Ständig würden große Reden darüber geschwungen, dass Pflegeleistungen in der Familie mehr anerkannt werden sollen. Werde es aber konkret, müsse man neben der belastenden Pflege noch von Pontius zu Pilatus laufen und sich selbst erkundigen, was einem überhaupt zusteht. Freiwillig würde niemand darauf hinweisen.

Vor einer Woche soll von der Techniker Krankenkasse ein Bescheid an Elisabeth Kasch ergangen sein, ergab unsere Nachfrage in der Landesvertretung der Kasse – bis gestern war er allerdings noch nicht in Plau angekommen: „Im Regelfall“ seien Pflegende während der unbezahlten Freistellung über ihren Partner bei dessen Krankenkasse familienversichert, fasst TK-Sprecherin Heike Schmedemann den Inhalt zusammen. Im konkreten Fall allerdings sei der Ehemann, bedingt durch seinen früheren Beruf, privat versichert. Frau Kasch müsse sich deshalb freiwillig selbst versichern, und zwar, da sie selbst momentan kein Einkommen bezieht, für einen dreistelligen Betrag auf Basis des Ruhegeldes ihres Mannes. Den erbost das: „Schließlich erspart meine Frau der TK durch die Pflege meiner Mutter immense Kosten.“ Zumal sowohl Elisabeth als auch Annaliese Kasch bei der Kasse versichert sind.

Tatsächlich will die TK inzwischen noch einen zweiten Brief verschickt haben: Nach nochmaligem Studium der Akten sei man darauf gestoßen, dass Elisabeth Kasch den Krankenversicherungsbeitrag nicht selbst zahlen müsse. Er würde, wie auch bei alleinlebenden Pflegenden, für die ebenfalls keine Familienversicherung infrage kommt, durch die Pflegekasse der Schwiegermutter getragen.

Sie kommt im Übrigen auch für den Unfall- und Rentenversicherungsbeitrag auf. Das immerhin hatte Elisabeth Kasch bereits im November von der TK erfahren.

„Im Gesundheitswesen und auch in der Pflege spürt man immer stärker, dass es nur noch um Geld geht“, beklagt Wolfgang Kasch. Entscheidungen würden am Schreibtisch gefällt – der Mensch hinter der Akte interessiere nicht. Dafür hat er noch ein Beispiel: Im März beantragte er als Betreuer seiner Mutter beim Versorgungsamt einen Schwerbehindertenausweis und eine Parkerleichterung für Rollstuhlfahrer. Die sei für die Arztbesuche der Mutter in Waren und Parchim dringend erforderlich, betont der Sohn, denn in der Nähe der Praxen gebe es keine regulären Parkplätze. Doch der Antrag wurde im Juni abgelehnt, der Mutter lediglich ein Grad der Behinderung von 60 zuerkannt. „Dagegen sind wir umgehend in Widerspruch gegangen – und haben erst einmal nichts mehr vom Amt gehört. Im Dezember platzte meiner Frau der Kragen und sie rief in Schwerin an“, erinnert er sich. Die Antwort war ernüchternd: Es könne bis zu einem Jahr dauern, bis der Widerspruch bearbeitet sei. „Ich habe dann entgegnet, sie würden wohl auf eine biologische Lösung hoffen“, ergänzt Elisabeth Kasch. Drei Tage später war ein Bescheid da. Annaliese Kasch ist demnach zu 100 Prozent schwerbehindert. Da ihr aber weder die Merkzeichen aG (außergewöhnlich gehbehindert) oder B (Begleiter erforderlich) zuerkannt wurde, gab es erneut keine Parkgenehmigung für die Rollstuhlfahrerin. Dafür aber den Hinweis, dass sie – nach Erwerb einer Wertmarke – nun Anspruch auf ermäßigte Fahrten im Nahverkehr oder auf eine Kfz-Steuer-Ermäßigung hätte. „Ich frage mich, was eine Rollstuhlfahrerin, die ständig Begleitung braucht, damit soll“, ärgert sich Wolfgang Kasch. Er hat nun zumindest bei der Stadt Plau eine Parkerleichterung für seine Mutter beantragt – sie befreit deren Fahrer zwar von Parkscheingebühren und verlängert die Höchstparkdauer. Eine Lösung für die logistische Herausforderung eines Arztbesuches aber ist sie nicht.

 

 

 

 

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen