zur Navigation springen

Vom Dach in den Transporter

vom

svz.de von
erstellt am 24.Aug.2012 | 10:11 Uhr

Ein Bandscheibenvorfall mit 55 - für einen körperlich schwer arbeitenden Handwerker ist das ein Fiasko. Für eine Rente ist er noch zu jung und aus Sicht des Rentenversicherungsträgers "zu gesund", für seine bisherige Arbeit aber ist er zu krank und für einen beruflichen Neuanfang zu alt. Für einen seit 22 Jahren im selben Betrieb in Bad Kleinen beschäftigten Heizungsmonteur gab es dennoch ein glückliches Ende: Die Firma Gauer Haustechnik beschäftigt ihn trotz seines Bandscheibenvorfalls weiter - als Kundendiensttechniker. Peter Kendziora vom Verein zur Förderung der Betrieblichen Eingliederung im Handwerk MV hatte sich erfolgreich als Vermittler eingeschaltet - und mehrere Partner mit ins Boot geholt, die "den Deal" auch für den Betriebsinhaber attraktiv machten: Die Rentenversicherung bewilligte einen Eingliederungszuschuss. Die Agentur für Arbeit stellte den neuen Kundendiensttechniker einem Schwerbehinderten gleich, und das Integrationsamt sagte daraufhin zu, mit 15 000 Euro die Ausstattung seines neuen Arbeitsplatzes zu fördern.

Kein Einzelfall, wie Simone Hoppert-Arndt, die zweite Eingliederungsberaterin des in Stavenhagen ansässigen Vereins, betont. In einer Dachdeckerfirma konnte für einen knapp 40-Jährigen, der ebenfalls an einem Bandscheibenvorfall und dazu noch an einer Fußhebeschwäche litt, eine neue Stelle als Fahrer geschaffen werden. "Der Mann hatte mehr nebenbei erzählt, dass er einen Lkw-Führerschein hat", erinnert sich Simone Hoppert-Arndt. "Sein Arbeitgeber hakte gleich ein und erklärte, er würde schon seit längerem jemanden suchen, der punktgenau Transportaufgaben für ihn übernimmt. Die Lösung ist also für beide Seiten zufriedenstellend."

Solche Lösungen speziell für Handwerks- und Kleinbetriebe zu vermitteln, hat sich der 2010 gegründete Verein auf die Fahnen geschrieben. Denn auch wenn Arbeitgeber seit 2004 gesetzlich zum betrieblichen Eingliederungsmanagement ihrer langzeitkranken Mitarbeiter verpflichtet sind - je kleiner ein Betrieb ist, umso schwerer fällt ihm das. Vor diesem Hintergrund haben die Kreishandwerkerschaften im Land und die IKK Nord 2009 den Verein zur Förderung der betrieblichen Eingliederung im Handwerk gegründet.

Das von ihm initiierte Modellprojekt "esa MV - eingliedern statt ausgliedern" wird für drei Jahre bis Ende 2013 vom Landesamt für Gesundheit und Soziales gefördert. Die Ausgleichsabgabe, die Unternehmen bezahlen müssen, die nicht die gesetzlich vorgeschriebene Zahl Schwerbehinderter beschäftigen, hilft so anderen Menschen mit Handicap, ihren Platz im Arbeitsleben zu sichern.

Die bisherige Bilanz kann sich sehen lassen: "Allein zwischen März 2011 und Juni 2012 wurden wir in 227 Fällen eingeschaltet", so Hoppert-Arndt. Nur bei jedem Fünften war keine berufliche Wiedereingliederung möglich. Fast die Hälfte der Betroffenen konnte - wenn auch mitunter auf einem anderen Arbeitsplatz - im alten Unternehmen weiterarbeiten. 13 Prozent konnten sich mit Hilfe des Vereins beruflich neu orientieren.

Der Erfolg ihrer Arbeit hänge sehr viel von Intuition und Improvisationsvermögen ab, sagt Hoppert-Arndt. "Ältere erinnere ich an die Zeit, in der Neuerervorschläge gefragt waren. ,Wenn Sie so einen Vorschlag machen sollten, was würde ihre Arbeit leichter machen?, frage ich sie", erzählt Hoppert-Arndt. Ein Maler mit Gehproblemen hätte daraufhin angeregt, eine Sackkarre zu bauen, mit der man Treppen steigen kann. "So etwas gibt es, der Arbeitgeber musste sie nur anschaffen", so die Beraterin. Dem gesundheitlich angeschlagenen Mitarbeiter eines Forstwirtschaftsbetriebes konnte Hoppert-Arndt die Weiterbe schäftigung sichern, weil sie seinen Chef ermunterte, seinen Traum von einer Weihnachtsbaumplantage wahr zu machen - und den Mittfünfziger dort einzusetzen. "Sein Arbeitsplatz dürfte jetzt bis zur Rente gesichert sein - und das ist angesichts der Rente mit 67 für Mittfünfziger ja wichtiger denn je", meint Hoppert-Arndt.

Ihre Aufgaben sehen die beiden Eingliederungsberater des Vereins neben der Ideenfindung vor allem auch darin, Quellen zu erschließen, aus denen die notwendige Arbeitsplatzumgestaltung bezahlt werden kann. Berufsgenossenschaft, Integrationsamt, Krankenkasse, Rentenversicherung - was den Einzelnen als Antragsteller schnell überfordert, wird von den Beratern meist in relativ kurzer Zeit über die Bühne gebracht.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen