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"Vergessen lassen sich die Ereignisse nie"

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erstellt am 26.Apr.2012 | 10:07 Uhr

Erfurt | Wie in den Jahren zuvor sind die Tage um den 26. April in Erfurt vom Gedenken an den Amoklauf 2002 am Gutenberg-Gymnasium geprägt. Ein 19-jähriger, der Wochen zuvor ohne Abschluss der Schule verwiesen wurde, betrat schwer bewaffnet das Gebäude und erschoss 16 Menschen sowie sich selbst. Anfangs fanden auf dem Erfurter Domplatz große Trauerfeiern statt. Später verlagerte sich das Gedächtnis an die Ermordeten - zwölf Lehrer, eine Sekretärin, zwei Schüler und ein Polizist - auf Begegnungen von Hinterbliebenen, Überlebenden und Nachgeborenen im kleineren Kreis. An diesem zehnten Jahrestag werden indes erstmals alle Kirchen der Stadt gemeinsam ihre Glocken läuten.

Auch das Gutenberg-Gymnasium gedenkt mit einer Feier der Opfer. Mittlerweile besucht kein Schüler, der das tragische Geschehen miterlebte, mehr diese Schule. Einige sind heute selbst Lehrer, so Pascal Mauf. An jenem 26. April 2002 schrieb er, als kurz vor elf die ersten Schüsse fielen, eine Abiturprüfung. Jeder habe damals seine ganz eigene Form der Trauer finden müssen, erinnert sich der 28-jährige. Ihn selbst trieb es immer wieder auf den Platz vor dem Gymnasium. Schnell seien ihm dagegen die großen Feiern zu viel geworden, gesteht er. Und im Übrigen, so Mauf, "hatte ich nicht den Eindruck, dass es dabei immer nur um die Angehörigen ging oder um uns, die die Verbrechen miterlebt hatten".

Tom W. war sogar ein Freund des Mörders. Er galt darum eine ganze Weile als potenzieller Mittäter, wurde angefeindet, lebte lange mit "falschen Darstellungen in den Medien". Heute gibt er selbst Englisch und Latein in einer norddeutschen Schule. Abgeschlossen habe er mit den Ereignissen nicht wirklich, räumt er ein. Doch nach zehn Jahren gebe es "einen Punkt, ab dem man die Geschehnisse schlichtweg hinnehmen muss".

Auch Lutz Pockel lernte das Verdrängen. Der heute 51-jährige unterrichtet noch immer am Gutenberg-Gymnasium. Am 26. April 2002 vertrat er als Prüfungsaufsicht eine der Kolleginnen, die später erschossen wurden. Vergessen lassen sich diese Ereignisse nie, sagt er. "Man kann nur versuchen, sich bewusst damit auseinanderzusetzen und es für sich so einzuordnen, dass es einen nicht mehr mit voller Wucht trifft", so Pockel. "Man packt es weg, irgendwohin, wo es einem nicht mehr so einfach wehtun kann." Dennoch packe es ihn stets aufs Neue, wenn er wieder von einem Amoklauf lese, wie den 2009 in Winnenden. Das sei dann "nicht mehr abstrakt, sondern sehr konkret".

Auch Robert Kiehl war 2002 ein junger Lehrer am Gutenberg-Gymnasium. Heute wohnt er im Saarland, doch die Ereignisse leben auch in ihm weiter. So schrieb er sogar ein Büchlein darüber. Doch geht es ihm hierbei nicht um den Mörder oder eine Chronologie des Schreckens sondern um "den starken Zusammenhalt der Überlebenden". Denn gerade jene "unglaubliche Energie dieser Schicksalsgemeinschaft", so berichtet er, habe ihn damals "aufgefangen".

Anders als etwa Tom W. lehnte Kiehl jedoch Therapieangebote ab. "Ich wollte damals gar nicht so viel darüber reden", denkt er zurück. Noch heute fehlten die Antworten, sagt Ruth-Elisabeth Schlemmer. Sie ist Pfarrerin der evangelischen Andreasgemeinde in Erfurt, hatte einst viele der Gutenberg-Gymnasiasten konfirmiert. Bis heute nutzen viele der 700 Schüler, bei denen nach dem Amoklauf posttraumatische Belastungsstörungen diagnostiziert wurden, gerade ihr Gotteshaus für stilles Gedenken. Danach befragt, welche Frage sie ihrerseits im Zusammenhang mit dem Blutbad nicht mehr hören könne, erwidert sie: Die Frage, ob sich etwas danach verändert habe. Jene gegenseitige Achtsamkeit, jene Ehrfurcht vor dem Leben, wie sie damals in jeder Trauerrede eingefordert wurde, vermisst die Pfarrerin bis heute. "Das sind so ein paar Satzfetzen, aber der Alltag, die Stadt und das Miteinander haben sich überhaupt nicht geändert", bedauert sie. Dabei hatte es nach dem Amoklauf schnell erste Konsequenzen gegeben. Thüringen erhielt 2003 ein faireres Schulgesetz, das Jugendschutzgesetz wurde novelliert. Es gibt heute strengere Bestimmungen zu Computerspielen, wie sie den Mörder seinerzeit animiert haben sollen, zudem verschärfte der Bund das Waffengesetz. Dennoch folgte sieben Jahre später die Tragödie von Winnenden. Wäre sie zu vermeiden gewesen nach den Erfahrungen von Erfurt?

"Ja, Winnenden hätte verhindert werden können!", sagt Prof. Harald Dörig, Richter am Bundesverwaltungsgericht in Leipzig und Vater von zwei Söhnen, die 2002 das Gutenberg-Gymnasium besuchten. Der Jurist, der damals Elternsprecher der Schule war, rügt es scharf als "unverständlich und inkonsequent", wenn nach wie vor Schusswaffen in Privatwohnungen lagern dürfen. "Gäbe es hier ein Verbot, wäre eine wesentliche Ursache für solche Verbrechen beseitigt", ist er sicher. So aber macht es den 59-jährigeen "immer sehr zornig, dass die Politik das nicht umgesetzt hat".

Noch ein Jahr nach dem Massaker befanden sich rund hundert Schüler in psychologischer Behandlung. Notarzt Dr. Gerhard Schlenk vom Kriseninterventionsteam Leipzig hatte einige von ihnen bereits am 26. April 2002 betreut. Er erlebte dabei eine "große Bandbreite an psychischen Reaktionen, von heftigen emotionalen Ausbrüchen bis hin zu totaler Erstarrung", erinnert er sich. Doch sei es in einer solchen Situation "wichtig diese Reaktionen auszuhalten und mitzutragen, ohne noch zusätzlich Emotionen in die Betroffenen quasi hineinzufragen…"

Auch Eltern traumatisierter Kinder dürften sich "nicht selbst unter Druck setzen und diesen dann auf das Kind ausüben, nach der Art: ,Wir müssen jetzt darüber reden, damit wir es hinter uns kriegen!", so Schlenk, der selbst dreifacher Vater ist.

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