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Vater hat sich totgesoffen

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erstellt am 27.Feb.2013 | 09:21 Uhr

Was eine Kneipe ist, hat Andrea gelernt, bevor sie den ersten Buchstaben schreiben konnte. Sie war fünf, sechs Jahre alt, da musste sie mit ihrem kleinen Bruder "rüber in die Gastwirtschaft, um nach Vater zu gucken". Immer wieder freitags. "Ich musste mich mit meiner ganzen Körperkraft gegen die schwere Tür stemmen, und dann stand ich in diesem lauten, verrauchten Raum." Je nachdem, wie Papa drauf war, mussten die Kinder etwas vorsingen oder aufsagen, oder sie bekamen eine Fassbrause. "Es war mir immer sehr unangenehm", sagt Andrea. "Und wenn wir ohne ihn nach Hause kamen, war Mutter böse. Oder traurig."

Andrea wurde 1964 in einer Kleinstadt am Rande der Mecklenburgischen Seenplatte geboren. "Ich kenne meinen Vater nur trinkend", sagt sie. Ihre Mutter hatte eine Tochter mit in die Ehe gebracht und danach zwei Mädchen und einen Jungen geboren. "Als die zweite Tochter muss ich für meinen Vater eine große Enttäuschung gewesen sein", sagt Andrea. "Er hatte einen Stammhalter erwartet." - "Er war ein sehr unzufriedener Mann. Meine älteste Schwester hat er immer wie ein Stiefkind behandelt. Und auch ich war nie interessant für ihn."

Als kleines Mädchen setzt sie alles daran, seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Als Jugendliche geht sie ihm aus dem Weg. "Wenn er wieder mal voll wie ein Amtmann im Treppenhaus lag, bin ich voller Verachtung über ihn hinweggestiegen. Und manchmal hätte ich ihm am liebsten einen Tritt verpasst."

Schwarzarbeit gegen Schnaps und Geld

Der Vater, gelernter Stellmacher und Zimmermann, kann der Abwärtsspirale der Trunksucht nicht entfliehen. Nach einem Sturz vom Dach darf er als Invalide nur noch wenige Stunden arbeiten. Er wird Hausmeister im Kindergarten. Fliegt raus wegen des Suffs. Fängt an der Tankstelle an. Fliegt. Wird wieder Hausmeister, diesmal an der Schule. Nebenbei arbeitet er schwarz auf dem Bau. "Für Schnaps und Bezahlung", sagt Andrea. "Wenigstens war in der Zeit das Geld nicht knapp." Morgens vor der Schule muss sie dem Vater einen Schnaps ins Glas gießen, wenn seine Hände zittern. Nach Schulschluss hockt er mit seinen Saufkumpanen zusammen. "Einer meiner Lehrer war auch gern mal dabei."

Fröhliche Kindergeburtstage kennen Andrea und ihre Geschwister nur vom Hörensagen. "Ich hätte niemals jemanden mit nach Hause bringen dürfen. Und auch nicht wollen." Das "Familiengeheimnis" muss bewahrt werden - sogar vor Großeltern, Tanten, Onkeln. "Wir durften mit niemandem sprechen. Das hat uns Mutter eingebläut." Selbst die Geschwister begegnen sich meist mit Misstrauen und einem Gefühl der Unsicherheit. Das älteste Kind setzt der Vater vor die Tür, als es 18 ist. "Meine große Schwester war mir die Vertrauteste, meine kleine Zuflucht", sagt Andrea. Immerhin bringt sie das Geschehen auf eine Idee: Mit 18 würde sie selbst reinen Tisch machen. "Ich wollte meinen Eltern alles an den Kopf werfen, was ich über die denke, und dann gehen. Für immer."

Die Chance zum Abitur schlägt sie aus, sie will möglichst schnell auf eigenen Beinen stehen, bewirbt sich an der Medizinischen Fachschule, um Kinderkrankenschwester zu werden. In ihren letzten Sommerferien platzen die Träume. "Plötzlich war mein Vater tot." Plötzlich wurde er als guter Ehemann und Vater zu Grabe getragen. Plötzlich hieß es, die Toten sollen hübsch in Frieden ruhen. "Und ich saß da mit all meiner Wut."

Zur Ausbildung im uckermärkischen Templin scheint es Andrea, als sei jeder andere frei und unbeschwert, sie dagegen unterlegen, fehl am Platz, ungewollt. Sie erinnert sich an einen der wenigen freundlichen Tage in der Kindheit: Sie hatte mit ihrem Vater Taubenkästen gestrichen. Er reichte ihr ein kleines Glas. "Ich werde das Gefühl nie vergessen: Mir wurde ganz warm danach. Leicht." Andrea war acht.

Trinken bis zum Kontrollverlust

Bei einem ersten Trinkgelage in Templin zeigt sich, dass sie mehr verträgt als alle anderen. Ein trinkfestes Mädchen erhält Aufmerksamkeit und Respekt. "Ohne Alkohol fühlte ich mich wie ein Stückchen Dreck am Straßenrand. Mit Alkohol war ich die Schönste und Fetzigste." Am Ende der Lehre ist sie an Alkohol gewöhnt, von ihrer ersten großen Liebe frisch getrennt und schwanger. Sie trinkt seltener, ganz aufhören kann sie nicht. "Ich habe Stoßgebete zum Himmel geschickt: Wenn ich ein gesundes Kind bekomme, rühre ich keinen Tropfen mehr an." Das Versprechen überdauert die Geburt von Sarah am Silvestertag 1985 nur wenige Wochen.

Zurück in der Heimatstadt bekommt die junge Krankenschwester mit Kind eine Wohnung. Sie wird in den Freundeskreis ihres jüngeren Bruders aufgenommen, Sauftouren am Wochenende gehören dazu. Andrea wartet, bis das Kind schläft und zieht los. Heute weiß sie, dass sie eine "Kontrollverlust-Trinkerin" ist. Sie muss nicht täglich trinken, doch einmal angefangen, bechert sie bis zum Filmriss. Damals vergleicht sie sich mit ihrem Vater, meint, sie habe ihren Konsum im Griff. Hätte irgendetwas helfen können? Vielleicht ein ehrliches Wort von der Chefin, vom Hausarzt oder aus der Nachbarschaft. Weniger Wegsehen. Vielleicht. "Irgendwie war ich aber auch erleichtert, dass keiner was gesagt hat. Vielleicht hätten sie mir sonst Sarah weggenommen."

Vieles aus dieser Zeit hat sie erst im Nachhinein erfahren. Von Sarah. Die als kleines Mädchen nachts allein aufwachte, ihre Mutter suchen wollte und sich ausgesperrte. Die auf dem Bürgersteig immer an der Straßenseite ging, "damit Mutti im Notfall in die Büsche fällt und nicht vor’s Auto". Und die in Panik geriet, als sich Andrea vom Balkon stürzen wollte. "Und einmal", sagt Sarah, "hab ich gedacht, spring doch, dann bin ich dich los."

Heute sind sich Mutter und Tochter ganz nah. "Wir haben uns spät gefunden, dafür aber ganz intensiv", sagt Andrea, die seit nunmehr gut 16 Jahren abstinent lebt und ebenso lange beim Neubrandenburger Suchthilfezentrum arbeitet. Die Kehrtwende in ihrem Leben hatte ausgerechnet mit Arbeitslosigkeit und Arbeitsbeschaffungsmaßnahme begonnen. "Ich sollte mich um Menschen in besonderen Schwierigkeiten kümmern und konnte dafür den Führerschein machen. Ich überlegte, ob ich zugreifen sollte oder von meinen Saufproblemen sprechen."

Durch die Tiefs mit der Selbsthilfegruppe

Mit dem Autofahren entdeckte Andrea eine neue Lust am Leben. Obwohl: "Wenn man aufhört, wird erstmal alles schlimmer", sagt sie. Schuld- und Schamgefühle machten ihr zu schaffen. Die Tiefs bewältigt sie durch ihre Selbsthilfegruppe. "Als ich vom ersten Treffen zurückkam, war mir, als würde ich zwei Zentimeter über dem Boden schweben." Andrea konnte erkennen, wozu sie den Alkohol über Jahre benutzt hat, was es heißt, in einer suchtkranken Familie aufzuwachsen. "Vier Prozent der Menschen werden vom Alkohol krank." Ihr wurde klar, dass sie nichts wiedergutmachen kann und muss. "Ich habe ja nicht getrunken, um eine schlechte Mutter zu sein."

Sogar das zentnerschwere Schuldgefühl ihrem Vater gegenüber hat sie überwunden. Nach dem Tod der Mutter fanden Andrea und ihre Geschwister ein Scheidungsurteil. "Mein Vater war schon mal verheiratet und hatte einen Sohn. Die Ehe war durch sein Trinken kaputt gegangen. Er hat also schon getrunken, bevor ich auf die Welt kam." Es klingt wie ein Freispruch.

Für Sarah spielt Alkohol keine Rolle, außer in den Gesprächen ihrer Selbsthilfegruppe für Angehörige von Alkoholikern. "Zum Glück", sagt Andrea, die weiß, dass für Kinder von Suchtkranken das Risiko, selbst zu erkranken, sechsmal höher ist als bei jedem anderen. "Die Krankheit der Eltern hinterlässt Spuren." Sarahs letzter Freund war Alkoholiker. Sie will ihn vergessen.

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