Kleingärtner : Unmut hinterm Gartenzaun

Unbewirtschaftete  Gärten    verschandeln  mittlerweile   viele  Kleingartensparten.
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Unbewirtschaftete Gärten verschandeln mittlerweile viele Kleingartensparten.

Abwasserentsorgung, Straßenreinigung, Müllabfuhr und ein enormer Leerstand: Güstrower Kleingärtnern wachsen die Kosten über den Kopf

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06. März 2014, 08:00 Uhr

Die Obstbäume sind beschnitten, die Gewächshäuser vorbereitet. Die Kleingärtner im Land stehen in den Startlöchern für die Frühjahrsbestellung. „Wenn der Frost aus dem Boden und es nicht zu feucht ist, kann es losgehen“, erklärt Reinhard Melzer (75), Vorsitzender des Güstrower Kreisverbands der Gartenfreunde.

Doch längst nicht auf allen Parzellen wird wieder gegraben, gegrubbert, geharkt und gesät: Etwa jeder fünfte Kleingarten im Landesinneren liegt brach. „Wir haben im ehemaligen Landkreis Güstrow 69 Vereine, die im Jahr 1990 immerhin 4573 Parzellen bewirtschafteten“, so Melzer. „Zur Zeit werden noch 3750 Parzellen bewirtschaftet.“ Und damit sei das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht: Bei einem Durchschnittsalter der im Kreisverband organisierten Kleingärtner von 72 Jahren ist absehbar, dass bald nicht nur noch mehr Parzellen aufgegeben werden. „Es finden sich auch immer seltener Nachfolger, die bereit sind, einen Kleingarten zu übernehmen“, weiß Melzer.

Vielen Interessenten ein Dorn im Auge sind die strengen Auflagen des Bundeskleingartengesetzes: Mindestens ein Drittel des Gartens muss mit Obst, Gemüse und/oder Kräutern bebaut werden. Vorschriften gibt es auch bezüglich der Gartenlaube: Ihre Grundfläche darf nicht größer als 24 m² und die Laube nicht zum dauerhaften Wohnen geeignet sein. Dazu kommt, dass Laube und Rasenflächen zusammen nicht mehr als ein Drittel des gesamten Gartens einnehmen dürfen.

Doch Reinhard Melzer mag an diesen gesetzlichen Vorgaben nicht rütteln lassen. Denn es gebe nicht nur die – wie er betont von längst nicht allen Kleingärtnern als einengend empfundenen – Vorschriften, sondern auch viele Vergünstigungen, allen voran die Pachtpreisbindung. „Wer in seinem Kleingarten nur noch Rasen aussät oder die Laube so ausbaut, dass er dauerhaft darin wohnen kann, der riskiert, dass der Eigentümer des Bodens die Kleingarten- in eine Wochenend-Siedlung umwandelt“, warnt der Güstrower Kreisvorsitzende. Das hätte im Übrigen sowohl für private als auch für kommunale Grundeigentümer handfeste Vorteile: Die Pacht von knapp fünf Cent pro Quadratmeter dürfte vervielfacht werden, die Kommune könnte zudem Zweitwohnsteuer erheben. Diese Mehrbelastungen aber seien für das Gros der Kleingärtner, die Rentner oder arbeitslos sind, nicht tragbar, betont Melzer und fügt hinzu: „Wir sind kein Hobbyverein wie Jäger oder Angler, wir haben eine soziale Funktion.“

Dessen ungeachtet würden Kleingärtner im Land nicht nur mit Kosten der Abwasserentsorgung belastet, in einigen Kommunen wie der Stadt Güstrow fielen sogar Straßenreinigungskosten sowie – für Melzer der Gipfel des Unverständlichen – Gebühren für die Müllentsorgung an. „Dabei haben wir die Mülltonne in unserer Sparte eingeschlossen, denn jeder nimmt eventuellen Restmüll mit nach Hause.“ Bereits vor vier Jahren habe der Kreisverband beim Verwaltungsgericht Schwerin Klage gegen den Restmülltonnenzwang erhoben – ein Urteil stehe immer noch aus.

Aus dem Leerstand in vielen Sparten erwüchsen den verbliebenen Kleingärtnern zusätzliche Belastungen, denn die Pacht müsse auch für leerstehende Parzellen gezahlt werden, so der Güstrower Kreisvorsitzende. In einzelnen Kommunen wie in Teterow hätten die Bürgermeister ein Einsehen und würden nur für die tatsächlich genutzten Gärten Pacht erheben. Anderenorts wie in Güstrow ginge das nicht.

Dennoch hofft Melzer auf weitere Signale aus der Politik, die den Kleingärtnern den Rücken stärken müsse. In Ostdeutschland gebe es nun einmal – historisch gewachsen – bezogen auf die Einwohnerzahl fünfmal so viele Kleingärten wie in den alten Bundesländern. Am Rückbau führe kein Weg vorbei. Pro Parzelle lägen die Kosten dafür zwischen 2000 und 5000 Euro – ohne Zuschüsse sei das nicht zu berappen, weiß Melzer. Das Land habe auch schon Gelder für den Rückbau in ausgewählten Anlagen zur Verfügung gestellt. Doch wie das Beispiel der zum Kreisverband gehörigen Sparte in Kronskamp zeige, würden auch 60 000 Euro Fördermittel nicht ausreichen, um den Verfall zu stoppen.

„Es muss uns gelingen, wieder mehr junge Leute für einen Kleingarten zu formulieren“, meint Melzer. Doch zum Wie fällt auch ihm langsam nichts mehr ein. Dabei hätten die Kleingärtner in einigen Sparten brachliegende Gärten zu Kinderspielplätzen und Gemeinschaftsanlagen umgebaut. Es habe auch eine Schule in Güstrow gegeben, die brachliegende Flächen einer Anlage nutzte. „Die Kinder bekamen frisches Obst und Gemüse, und nebenbei wurde bei ihnen die Begeisterung für die Gartenarbeit geweckt“, erinnert sich der Vereinsvorsitzende. Doch als die Schulleiterin wechselte, war es auch mit dem Schulgarten vorbei.

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