Brandanschläge gegen Flüchtlingsheime : ...und die Polizei tappt im Dunkeln

Wer legte das Feuer? Die geplante Flüchtlingsunterkunft in Trassenheide auf der Insel Usedom brannte aus. Der Landkreis will sich nicht einschüchtern lassen.
Wer legte das Feuer? Die geplante Flüchtlingsunterkunft in Trassenheide auf der Insel Usedom brannte aus. Der Landkreis will sich nicht einschüchtern lassen.

Die Täter kommen nachts und zündeln, um die Unterbringung von Flüchtlingen zu verhindern: Von den jüngsten Angriffen in MV wurde bislang keiner aufgeklärt

von
16. November 2015, 21:00 Uhr

Bei der Aufklärung der Brandanschläge und Angriffe auf geplante Flüchtlingsunterkünfte in MV kommt die Polizei nur langsam voran. Von den acht bekannten Angriffen im Osten des Landesteils innerhalb der vergangenen zwei Monate ist bislang nicht einer aufgeklärt. Auch beim Brandanschlag auf die geplante Flüchtlingsunterkunft in Boizenburg wird weiter nach den Brandstiftern gesucht. „Der Ermittlungsstand ist unverändert“, sagte der Schweriner Staatsanwalt Stefan Urbanek gestern. Dort war Anfang Oktober ein dreistöckiges ehemaliges Arbeiterwohnheim vollständig ausgebrannt.

Laut Innenministerium wurden für 2014 landesweit neun politisch motivierte Straftaten im Zusammenhang mit Asylbewerberunterkünften erfasst. Dem stehen für 2015 bereits 39 derartige Straftaten gegenüber, davon allein 27 in den letzten drei Monaten. Das Innenministerium zählt dabei neben den landesweit vier Brandstiftungen (Breesen, Boizenburg, Trassenheide und Friedland) und Sachbeschädigungen auch Fälle von Volksverhetzung, Bedrohung, Beleidigung sowie das Verwenden verfassungswidriger Kennzeichen. Zu 15 Fällen seien 27 Tatverdächtige ermittelt worden. In welchen konkreten Fällen die Tatverdächtigen ermittelt wurden, erklärte das Ministerium nicht. „Es ist davon auszugehen, dass vor allem die Rechtsextremisten die Flüchtlingssituation weiterhin für ihre Propaganda nutzen und politisch motivierte Straftaten begehen werden“, sagte eine Sprecherin. Dem müsse sich auch die Zivilgesellschaft entgegenstellen.

Die Ermittlungen gestalten sich nach Angaben der Polizei kompliziert. „Die Täter kommen in der Nacht. Wir haben so gut wie nie Tatzeugen“, sagte eine Polizeisprecherin gestern in Neubrandenburg. Nach dem jüngsten Brandanschlag auf eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Trassenheide (Insel Usedom) wurde eine achtköpfige Ermittlergruppe gebildet. Geprüft werde, ob es einen Zusammenhang zwischen der Brandstiftung vom Wochenende und einem Angriff vor einem Monat gebe. Der Staatsschutz hat die Ermittlungen übernommen.

Seit September sind im Osten des Landes allein acht Angriffe gegen Flüchtlingsunterkünfte bekannt geworden. In Sellin auf Rügen wurde Buttersäure in einem ehemaligen Schullandheim ausgekippt, in Pinnow (Vorpommern-Greifswald) warfen Unbekannte Fenster ein, ebenso in Reinberg, wo eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus für Flüchtlinge genutzt werden sollte. In Trent auf Rügen brachten Unbekannte ausländerfeindliche Plakate an, später wurde eine Scheibe eingeworfen. Weil Tatzeugen fehlten, seien aufwendige Umfeldermittlungen notwendig. Für die Polizei sei die Situation auch unbefriedigend, so die Sprecherin.

Der Landkreis will sich bei der Suche nach weiteren Flüchtlingsunterkünften nicht durch die Anschläge beeindrucken lassen. „Es wird keine weißen Flecken geben. Die Immobilienlage lässt das nicht zu“, sagte ein Kreissprecher. In der vergangenen Woche seien 245 Flüchtlinge in den Kreis gekommen, allein an den ersten beiden Tagen dieser Woche würden 119 Flüchtlinge erwartet.

Auf Usedom gestaltet sich die Suche nach Flüchtlingsunterkünften besonders schwer. Der Bürgermeister von Heringsdorf, Lars Petersen (CDU), hatte den Festlandgemeinden Ausgleichszahlungen angeboten. Seit Kurzem leben rund 20 Flüchtlinge in einer Rettungsschwimmerunterkunft.

Doch es gab auch Ermittlungserfolge – wie nach einem Brandanschlag auf eine Asylbewerberunterkunft in Groß Lüsewitz bei Rostock. Die Staatsanwaltschaft Rostock erhob vor einem Monat gegen zwei Männer Anklage wegen versuchten Mordes. Die 25 und 26 Jahre alten Verdächtigen sollen vor einem Jahr zwei mit Benzin gefüllte Flaschen auf die Asylbewerberunterkunft geworfen haben. In dem Heim waren acht Flüchtlingsfamilien untergebracht.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen