Überleben war reine Glückssache - Landgericht verurteilt 22-Jährigen

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11. Februar 2010, 07:57 Uhr

Schwerin | Vielleicht ist es die Horrorvorstellung schlechthin: Ein Angriff aus heiterem Himmel, ohne erkennbares Motiv. Ein Messer, das sich in den Rücken bohrt. Geführt von einem Täter, der offensichtlich nicht bei Sinnen ist.

Mit einem merkwürdigen Sprung soll Tobias B. plötzlich auf sein Opfer zugeflogen sein. An jenem frühen Morgen im vorigen August nach einer Sommerparty auf der Bootsschuppen-Anlage in Wendisch Waren. Gestern hat das Landgericht Schwerin den 22-Jährigen dafür wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt.

Tobias B. hat die Attacke zwar eingeräumt, aber so richtig erklären kann er sie sich bis heute nicht. Er kannte den 34-Jährigen, der Ziel seines Angriffs wurde, kaum. Zu der Party hatte ihn sein Vater eingeladen. Und eigentlich hatte er die Feier mit seiner Freundin auch schon längst verlassen. Als er am frühen Morgen plötzlich auftauchte, mit freiem Oberkörper, eine Hand hinter dem Rücken. "Komm her!" oder "Kommt her!" soll er den verbliebenen Gästen, darunter sein Vater, zugerufen haben. Unglücklicherweise fühlte sich Matthias M.* angesprochen. Er ging auf B. zu, als der plötzlich lossprang, sich drehte und ihm das Messer in den Rücken stieß. Die Klinge blieb mehr als zehn Zentimeter tief im Körper stecken und brach ab.

Nur durch eine Operation konnte sie wieder entfernt werden. Dass der 34-Jährige überlebte, "war nicht Ihr Verdienst, sondern Ihr Glück", sagte der Vorsitzende Richter Robert Piepel gestern. Das Gericht folgte mit dem Urteil ganz der Linie, die Staatsanwalt Andreas Brunkow mit seinem Plädoyer vorgezeichnet hatte. Tobias B. sei tatsächlich nicht ganz "Herr seiner Sinne" gewesen. Er selbst habe nach seiner Festnahme wenige Stunden nach dem Geschehen der Polizei von der unheilvollen Mixtur berichtet, die er im Laufe der Nacht zu sich genommen hat: Alkohol, Cannabis und zwei Portionen Pilze - keine lecker zubereiteten Champions, sondern Rauschpilze, die offenbar die Wahrnehmung verzerren.

Es habe keinen Streit, keine ernsthafte Auseinandersetzung im Vorfeld gegeben, ist der Staatsanwalt überzeugt. Er spricht von einer "wahnhaften Realitätsverzerrung" bei Tobias B., ausgelöst in jener Nacht durch den Drogenkonsum, an dem er nach Aussagen von Zeugen, von Sachverständigen und nach Auswertung von Blutuntersuchungen keinen Zweifel hat. B. habe Matthias M. nicht töten wollen - deshalb wird er auch "nur" wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Den schwerer wiegenden Vorwurf des versuchten Totschlags ließ das Gericht fallen. Wegen der Drogen sei er zudem nur eingeschränkt schuldfähig.

Der laut Staatsanwalt "völlig unkontrollierte Stich" hat das Leben von Matthias M. dramatisch verändert. Er leidet bis heute unter Schmerzen, hat Atemprobleme und kann noch immer nicht wieder voll arbeiten.

Tobias B. hat sich im Gericht bei dem Mann entschuldigt, will Schmerzensgeld zahlen. Dass er einen Menschen beinahe umgebracht hätte, wollte er schon am Morgen nach der Tat nicht glauben.

Er solle künftig die Finger von Drogen lassen, gibt ihm der Richter mit auf den Weg. Der führt ihn kurzzeitig aus der Untersuchungshaft in die Freiheit. Er darf bei seiner schwangeren Freundin bleiben, bis er seine Strafe endgültig antreten muss.

*Name geändert

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