Über Grenzen hinweg: Stettin feiert

<fettakgl>Beeindruckendes Stadtbild: </fettakgl>das Oderufer mit den berühmten Hakenterrassen in Szczecin/Stettin<foto> Archiv</foto>
Beeindruckendes Stadtbild: das Oderufer mit den berühmten Hakenterrassen in Szczecin/Stettin Archiv

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02. Juli 2010, 12:20 Uhr

Szczecin | Über 100 Jahre war Stettin die Hauptstadt der preußischen Provinz Pommern - jetzt feiert die Stadt in der deutsch-polnischen Grenzregion den 65. Jahrestag der Übergabe an die polnische Verwaltung durch die Sowjetunion. Schon heute beginnt das Programm, der kommende Montag aber - der 5. Juli - ist der eigentliche "Geburtstag". Unter anderem Festumzüge und Konzerte laden zum Feiern. Im Projektbüro 2016 - für dieses Jahr bewirbt sich die Kommune um den Titel "Europäische Kulturhauptstadt " - geht es wie in einem Bienenstock zu. Gesprächspartner finden sich dort leicht.

Ein Stück Kanada

"Komm rein", sagt Nuri später und steckt eine Hand aus der geöffneten Glastür, Jagiellonska 96. Es regnet in Strömen. "Das ist Boba.", sagt er und breitet die Arme zu einer runden, alles umfassenden Bewegung aus. In Kanada heißt dieser Drink "Tea with Bubbles" - ein fermentierter Sojamilchshake, der mit Maniokkugeln angereichert ist, die "Boba" heißen. Da "Tea with Bubbles" für polnische Ohren nicht besonders attraktiv klingt, hat Nuri einfach alles "Boba" genannt- die Kügelchen, den Drink und den Laden. Nuri stammt aus Vancouver, ist 41 und schon vor etlichen Jahren in Stettin sesshaft geworden. Warum gerade in Stettin? "Wegen meiner Freundin, die aus Stettin stammt." sagt er, während wir weiter Fotos auf seinem Handy inspizieren. Außerdem war seine Mutter Polin, erfahre ich ein paar Fotos später. Die Idee, irgendetwas mit Essen zu machen, verfolgt Nuri schon lange. Bald soll "Boba" eröffnen, die erste kanadische Snackbar Stettins. Die Rezepte für seine Pommes mit Käse hat Nuri in etlichen Selbstversuchen und an seinen Freunden ausprobiert und sich jetzt sogar patentieren lassen. Auf der Speisekarte werden außerdem Chickenwings und eine große Anzahl von Boba in verschiedenen Geschmacksrichtungen stehen. "Polen ist für mich so etwas wie der Teenager der Europäischen Union", sagt Nuri. "Es testet gerade aus, was die Erwachsenen alles erlauben, aber bemüht sich auch, mitzuhalten. Als ich das erste Mal vor etlichen Jahren hierherkam, hat mich vor allem die Lockerheit fasziniert. Leute sitzen einfach am Strand und trinken ein Bier. Großartig! Das würde es in Kanada nicht geben." Dass es das in Polen seit einigen Jahren auch nicht mehr gibt, weil Alkoholkonsum laut Gesetz in der Öffentlichkeit verboten ist, scheint diesem ersten Eindruck nichts anhaben zu können.


Daniela hat gerade ihr Soziologiestudium mit einer Arbeit über polnische Auswanderer in England und den Niederlanden beendet. Sie ist 24. "Ein Traum von mir war immer, in jeder europäischen Haupststadt für ein paar Monate zu leben", antwortet Daniela auf die Frage, was sie jetzt nach dem Studium vorhabe. Im Moment wartet sie noch auf eine Entscheidung über den Projektvorschlag, den sie bei der EU eingereicht hat. Wenn es klappt, will sie sich in der Stadt ein Fotostudio einrichten. Die Konkurrenz ist jedoch groß, selbst in einer kleinen Stadt. "Man muss schon etwas Einmaliges, Originelles machen.", sagt sie, " - nämlich Hochzeitsnächte!" Ihre Idee ist es, Paare zu Beginn ihrer Hochzeitsnacht ins Studio einzuladen und erotische Aufnahmen und Aktstudien zu machen. Ihre Freunde hätten die Idee alle gut gefunden, meint sie. Die Konkurrenz auf dem Gebiet professioneller Aktfotos für den Hausgebrauch scheint auf jeden Fall wirklich geringer zu sein, als in Deutschland, wo diese von den meisten Fotostudios ganz selbstverständlich angeboten werden. Dass ihre Idee auf Ablehnung oder Kritik stoßen könnte, glaubt Daniela nicht. Stettin scheint ihr genau die richtige Stadt für solche Idee. "Wenn die Leute sich beschweren, dass in Stettin angeblich nichts los wäre - ich kann das überhaupt nicht teilen.", sagt sie. "Ich habe eine Weile in Poznan studiert, das zwar schöner ist - die interessanteren Leute wohnen aber auf jeden Fall in Stettin."

Sehnsucht nach Sonne

Wie der 25-jährige Gonzalo, der bei Kana, dem bekanntesten alternativen Theater Stettins, arbeitet. Er ist seit vier Jahren in der Stadt und kommt aus Barcelona. Der Grund für sein Kommen war eine Liebe, "die es jetzt nicht mehr gibt", aber auch die Chance, in ein anderes Land zu gehen, eine fremde Sprache zu lernen und in eine andere Mentalität einzutauchen. Kana ist vor allem durch die Organisation des jährlichen Internationalen Straßenkünstlerfestivals über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. "Die Stettiner sind im Allgemeinen kulturbegeistert.", meint Gonzalo. Zu den Vorstellungen kämen regelmäßig mehr Interessierte als Plätze verkauft werden könnten. Fragwürdig findet Gonzalo nur die nicht hinterfragte Begeisterung für ausländische Kunst, vor allem aus Nordwesteuropa: "Es muss nur ein deutscher Regisseur auf dem Plakat stehen und sofort sind alle völlig kritiklos begeistert." Freunde hat er inzwischen viele, meist polnische. Ausländer kennt er kaum in der Stadt und wenn, dann würden sie meist schon selbst Familien haben, sagt er. Die Leute beschweren sich viel, über alles Mögliche. Auf Jammern reagiert Gonzalo inzwischen allergisch, ebenso auf das Festhalten an Geschichte. "Die Leute scheinen manchmal zu vergessen, dass es anderswo, in Deutschland oder Spanien zum Beispiel, auch schwer ist, eine Wohnung zu halten, einen Job zu finden und im Leben klarzukommen. Aber jetzt fange ich selbst schon an zu jammern - ich glaube, mir fehlt Sonne."

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