Trotz Rente zur Arbeit

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30. November 2009, 12:09 Uhr

 Schwerin | Immer mehr Rentner in Mecklenburg-Vorpommern verdienen sich mit Minijobs ein monatliches Extra. Gingen 2003 rund 7800 Menschen über 65 Jahren einer geringfügig entlohnten Beschäftigung nach, so waren es im Jahr 2007 bereits mehr als 9600 und damit zwei Prozent der Rentenempfänger im Land, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergab.

Der Geschäftsstellenleiter des Landesseniorenbeirates, Bernd Rosenheinrich, prophezeite eine Zunahme der Altersarmut in den nächsten Jahren. "Der Anteil derjenigen, die gezwungen sein werden hinzuzuverdienen, wird steigen", sagte er. Während die Städte Schwerin und Rostock laut jüngster Statistik von 2007 jeweils rund 1300 jobbende Rentner zählen, wuchs die Zahl der arbeitenden Senioren vor allem in den Landkreisen Bad Doberan (plus 46 Prozent), Nord- und Ostvorpommern (plus 33 Prozent), Ludwigslust (35 Prozent), Güstrow (31 Prozent) und Demmin (30 Prozent). Senioren im Nordosten würden "aus der Not he raus" morgens Zeitungen austragen oder abends Supermarktregale einräumen, um ihre Rente von weit unter 1000 Euro um bis zu 400 Euro monatlich aufzubessern, sagte Rosenheinrich.

Heute 50-Jährigen droht Altersarmut
Noch mehr Probleme sehe er für die Zukunft. Viele der heute über 40- und 50-Jährigen im Land würden künftig auf Sozialhilfe und ein selbst verdientes Zubrot angewiesen sein. Grund für künftige Altersarmut sei der Spitzenplatz Mecklenburg- Vorpommerns bei Langzeitarbeitslosigkeit und Niedriglöhnen, sagte Rosenheinrich. Die Betroffenen würden später kaum von ihrer staatlichen Rente leben können. Hinzu komme die ausstehende Rentenangleichung zwischen Ost und West. Der aktuelle Rentenwert Ost liegt um zwölf Prozent unter dem West-Niveau. Laut Statistischem Amt in Schwerin leben zurzeit knapp 28 Prozent der 1,68 Millionen Einwohner MV von einer Rente oder Pension. 2008 waren Senioren mit 53 Prozent die größte Gruppe der Wohngeldempfänger.

Vor einer Zunahme der Altersarmut in den neuen Bundesländern warnte die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung (Düsseldorf). Grund seien laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin wachsende Vermögensunterschiede in Ost und West. Zugleich müssten mehr Menschen durch Hartz-Reformen und höhere Erwerbslosigkeit ihr Vermögen aufbrauchen, bevor sie staatliche Hilfe bekommen.

"Dumpinglöhne" von vier Euro pro Stunde
Gegenwärtig würden aber auch viele Senioren wegen sozialer Kontakte jobben gehen, schätzte Holger Mieth, stellvertretender Geschäftsführer der Volkssolidarität Mecklenburg-Vorpommern ein. Der Bedarf an Minijobs sei im Nordosten wesentlich größer als das Angebot, sagte Raimar Brunner, Vorsitzender des DGB-Seniorenausschusses in Rostock. Während Ehepaare häufig über zwei Renten verfügten, treffe Armut vor allem alleinstehende Rentnerinnen, meinte er. "Diese nehmen teils jede Arbeit an, weil sie mit ihrem Geld nicht klarkommen." Beispiele seien selbst in der Landwirtschaft zu finden wie etwa in der Erdbeerernte.

Nicht nur als Zeitungsboten oder Hilfskräfte im Supermarkt verdingen sich Senioren im Nordosten. Auch als Hausmeister, Altenpfleger, Pförtner oder Kellner verdienten sich Rentner ein Zubrot, wie Ute Evers, Bezirksgeschäftsführerin der Gewerkschaft ver.di in Schwerin, sagte. Peter Junk von ver.di Nord in Lübeck meinte, dass viele ostdeutsche Rentner mit ihrem schmalen Zuverdienst noch Kinder und Enkel unterstützen, wenn die von Hartz IV leben. Detlev Follak vom ver.di-Bezirk Rostock spricht von Dumpinglöhnen, die bei Minijobs für Rentner gezahlt würden. Bruttolöhne von vier Euro die Stunde seien keine Seltenheit.

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