Trickserei mit amtlichem Segen

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14. Juli 2009, 10:20 Uhr

Schwerin | Stress im Hausflur: Jahrelang hatten sich die Mieter einer Altbauwohnung in Schwerin darauf gefreut - endlich genügend Platz in der eigenen Wohnung, endlich die Chance, lange gehegte Wohnträume zu verwirklichen, endlich mehr Komfort genießen. Eine Wohnung mit mehr als 100 Quadratmeter hatte die Familie deshalb angemietet, schildert Jürgen Fischer den Fall. Glaubten sie: Denn die im Mietvertrag mit deutlich mehr als 100 Quadratmeter angegebene Wohnung erwies sich als deutlich zu klein, erklärte der Chef des Mieterbundes in Schwerin. Die Mieter hatten die Kosten für zwölf Quadratmeter zu tragen, die sie gar nicht hatten. Der uneinsichtige Vermieter ließ sich schließlich nur von einem Richter beeindrucken - statt Wohnidylle in Citylage nervige Verhandlungen vor Gericht.

Missbrauch und Betrügern wird Tür und Tor geöffnet
Kein Einzelfall: In Deutschland werden hunderttausende Mieter für überhöhte Quadratmeterzahlen zur Kasse gebeten - Täuschungsmanöver mit richterlichem Segen. Spätestens seit dem Urteil des Bundesgerichtshofes (BGH) Karlsruhe vergangene Woche ist es Vermietern erlaubt, Mieterhöhungen auch auf der Grundlage einer überhöhten Quadratmeterzahl im Mietvertrag durchzudrücken. Vorausgesetzt: Die Abweichungen dürfen nicht mehr als zehn Prozent betragen. Das wird teuer: Bei dem jetzt von den Bundesrichtern entschiedenen Fall hatte ein Hamburger Vermieter die Miete um die maximal zulässigen 20 Prozent, von 360,47 Euro auf 432,56 Euro erhöht. Der Berechnung der Mieterhöhung legte er einen Quadratmeterpreis von 7,76 Euro und eine Wohnfläche von 55,75 Quadratmeter zugrunde. Tatsächlich war die Wohnung aber nur 51,03 Quadratmeter groß.

Mit dem Urteil werde "Missbrauch und Betrügern Tür und Tor" geöffnet, kritisiert Lukas Siebenkotten. "Ein Milliardengeschenk" für Vermieter, meint der Direktor des Deutschen Mieterbundes: "Vermieter, die bei der Feststellung der Wohnungsgröße im Mietvertrag großzügig zu ihren Gunsten rechnen, werden mit barem Geld belohnt." Mieter müssen hingegen schon mal die Mehrkosten für die Fläche eines ganzen Zimmers zahlen, ohne es tatsächlich nutzen zu können.

Das legale Täuschungsmanöver ist ein einträgliches Geschäft: Dem Mieterbund zufolge hat ein Dekra-Gutachten bundesweit bei 80 Prozent der Wohnungen Abweichungen von bis zu zehn Prozent festgestellt. So lassen überhöhte Quadratmeterzahlen nicht nur bei der Miet- sondern auch der Betriebskostenberechnung die Kasse klingeln. Betroffen seien vor allem Mieter mit Einzelabrechnungen, sagte Fischer.

Vermieter tun Vertragsfehler als Lebensrisiko ab
Unter unkorrekten Angaben müssen den Angaben zufolge vor allem Mieter in Ballungszentren leiden. In Mecklenburg-Vorpommern habe das jüngste BGH-Urteil hingegen vergleichsweise geringere Auswirkungen. Im Land gebe es kaum Mietpreisveränderungen. Von den Verträgen für die 820 000 Mietwohnungen im Land wiesen etwa ein Drittel geringfügige Unregelmäßigkeiten auf. Bei etwa 24 000 Wohnungen im Land seien aber starke Abweichungen zu beklagen, meinte Fischer. Probleme gebe es weniger bei Neubauten, für die exakte Zeichnungen vorliegen würden. Bei Altbauten mangele es hingegen oft an genauen Aufmaßen der Wohnungen. In MV bewahrt der Plattenbau der vergangenen Jahrzehnte die Mieter offenbar weitgehend vor Fehlzahlungen. 80 Prozent der Wohnungen der Mitgliedsfirmen des Verbandes Norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW) seien industriell und damit nach genauen Maßen gefertigt, erklärte VNW-Sprecher Peter Hitpaß.

Vermieter können denn auch an der amtlichen Flächentrickserei kaum Nachteile für Verbraucher erkennen. "Allgemeines Lebensrisiko", tut beispielsweise Lutz Heinecke, Präsident des Landesverbandes der Vereinigung der Haus- und Grundstückseigentümer Haus und Grund die Betrugsvorwürfe ab. Er könne sich zwar vorstellen, dass sich Mieter benachteiligt fühlten. Aber: "Das ist im Leben so." Toleranzen seien nicht nur im Mietrecht geläufig, heißt es auch beim Verband der Wohnungsunternehmen. Die Berechnung der Wohnfläche sei durch Nischen, Schrägen oder Balkone oft schwierig. Außerdem, so meinte VNW-Sprecher Peter Hitpaß, bei einer Anmietung einer Wohnung gehe es gewöhnlich weniger um den Quadratmeterpreis als um eine bestimmte Wohnung zu einem vereinbarten Preis.

Der jetzt vor dem Bundesgerichtshof unterlegenen Hamburger Mieterin nutzt das wenig: Sie muss dem Mieterbund zufolge für tatsächlich nicht existierende Wohnflächen Miete zahlen - 36,63 Euro pro Monat oder 439,56 Euro pro Jahr für nichts.

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