Trendwende: Frischer Wind für Parteien

1 von 2

svz.de von
06. Februar 2010, 02:45 Uhr

Schwerin | Erwin Sellering strahlte über das ganze Gesicht. Der SPD-Landesvorsitzende durfte 50 angereisten Neumitgliedern seines Landesverbandes am vergangenen Wochenende in Rostock die Hände schütteln. "Jeder kann bei uns mitentscheiden", versprach er den Versammelten. Es geht wieder vorwärts mit der SPD - zumindest bei den Mitgliederzahlen.

In der Parteizentrale in Schwerin spricht Landesgeschäftsführer Thomas Krüger von insgesamt 238 Genossen, die im vergangenen Jahr in die SPD eingetreten sind. Ein Rekordergebnis. Seit Jahren hatte die Partei nicht mehr so einen Zulauf. "Wir haben von den Bundestagswahlen profitiert", sagt Krüger. Auch wenn das Wahlergebnis selbst enttäuschend war, wurden neue Anhänger über den Wahlkampf gewonnen. Doch hat die Volkspartei mit aktuell 2840 Mitgliedern in Mecklenburg-Vorpommern noch immer ihren kleinsten Landesverband.

Seit Jahren schrumpfen die Parteien. Die FDP verlor von den 14 000 Parteifreunden in Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 1990 mehr als 90 Prozent und hat heute 1100 Mitglieder. Immerhin konnten die Liberalen im vergangenen Jahr erstmals seit 20 Jahren einen Mitgliederzuwachs verzeichnen. "Wir spüren deutlichen Zuspruch", sagt Landesgeschäftsführerin Doreen Siegemund. Fast 100 neue Mitglieder haben die Liberalen bei sich aufgenommen, das hat es seit Jahren nicht gegeben. "Eine Motivation für die Neueintritte 2009 war sicherlich der engagierte Wahlkampf der FDP", schätzt auch Frau Siegemund ein. Etwa 20 offene Aufnahmeanträge würden derzeit noch zur Bearbeitung und Aufnahme durch die Kreisvorstände vorliegen.

Den größten Mitgliederabsturz seit 1990 erlebte die Linke. Als PDS hatte sie damals in Mecklenburg-Vorpommern noch 33 030 Mitglieder - heute sind es 5684. Der hohe Seniorenanteil der Partei drückt permanent auf die Mitgliederzahlen. Immerhin konnten auch die Linken im vergangenen Jahr 175 neue Mitglieder in ihre Reihen aufnehmen. Im selben Zeitraum verstarben aber 173 vor allem ältere Genossen. Weitere 157 Linke traten aus der Partei aus oder verzogen in andere Bundesländer. Trotz des negativen Trends bleibt Landesgeschäftsführer Kay Spieß optimistisch: "Mehr als zwei Drittel unserer Neuen sind jünger als 40 Jahre." Hinzu kommt, dass die Linken mit mehr als 45 Prozent den höchsten Frauenanteil aller Parteien vorweisen können.

Davon träumt Klaus-Dieter Götz, Landesgeschäftsführer der CDU. Der Frauenanteil der Union liegt unter 30 Prozent. "Hier haben wir die größten Reserven bei der Mitgliederwerbung", meint Götz selbstkritisch. Dennoch, 390 Neuaufnahmen im Jahr 2009 sind für den 6190 Mitglieder starken Landesverband ein Spitzenwert. "Das sind mehr Neueinschreibungen als in den Jahren 2007 und 2008 zusammen", stellt Klaus-Dieter Götz fest. Erstmals seit 1990 konnte die CDU damit im vergangenen Jahr damit den permanenten Rückgang stoppen.

Den Erfolg führt der Landesgeschäftsführer auf die massiven Werbekampagnien zurück. Außerdem hat die CDU mit der Jungen Union und deren 653 Mitgliedern die stärkste Nachwuchsreserve aller Parteien.

Als kleinster Landesverband haben Bündnis90/Die Grünen im vergangenen Jahr prozentual den größten Sprung gemacht. Zu den 320 Mitgliedern kamen im Vorjahr 70 neue hinzu, 17 verließen die Partei. "Projekte wie das Engagement gegen den Bau des Steinkohlekraftwerks Lubmin brachten uns Anhänger und Mitglieder", sagte Landesgeschäftsführer Ulrich Söffker.

Für den Politologen Dr. Steffen Schoon von der Landeszentrale für politische Bildung in Schwerin hat der Zulauf, den die Parteien derzeit erleben, eine Reihe von positiven Folgen. "Damit kann die Entkopplung der Parteien von der Bevölkerung gestoppt werden", sagt er. Denn Mitglieder wirken nicht nur als Multiplikatoren der Parteien vor Ort, sie tragen auch die Stimmungen aus ihrer Nachbarschaft in den Landesverband. Mehr Mitglieder zu haben bedeute auch eine bessere Verwurzelung der Parteien in der Bevölkerung.

Hinzu kommt, dass vorwiegend junge Leute in die Partei strömen. Das wirkt sich positiv gegen deren zunehmende Überalterung aus.

Nicht nur die Linke vergreist ohne frischen Wind. Auch der Altersdurchschnitt der CDU im Land beträgt derzeit 53 Jahre, die SPD steht mit 51 Jahren nicht viel besser da. Die Grünen sind im Durchschnitt 43 Jahre alt. Dagegen sind 60 Prozent der Neumitglieder des vergangenen Jahres sowohl in der CDU als auch in der SPD und bei den Linken jünger als 35 Jahre.

"Aber auch die Neueinsteiger profitieren", sagt Steffen Schoon. Wegen der geringen Mitgliederzahlen seien die Karriere-Chancen enorm. Der Politologe: "Einer jungen klugen Frau in der SPD Vorpommerns stehen doch alle Türen offen."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen