Trassenbauer geben Gas

Die 30 Meter tiefe Startgrube des Mikrotunnels: Hier wird die Erdgas-Leitung  nach Tschechien   das Hafenbecken queren. dpa
Die 30 Meter tiefe Startgrube des Mikrotunnels: Hier wird die Erdgas-Leitung nach Tschechien das Hafenbecken queren. dpa

von
19. Februar 2010, 07:14 Uhr

Lubmin | Nur einen Steinwurf von der Kaikante des neuen Lubminer Indus triehafens entfernt klafft ein riesiges Betonloch in der Erde: 22 Meter im Durchmesser und Schwindel erregende 23 Meter tief. Bauleiter Michael Muth zeigt in die Tiefe. Gut zwölf Stockwerke unter ihm bringen Arbeiter eine Tunnelmaschine in Stellung, die wenige Tage zuvor mit einem Schwerlastkran in die Baugrube gehievt worden war. "Nächste Woche gehts los", sagt Muth. Dann soll sich die Spezialkonstruktion unter dem Hafenbecken durch 200 Meter Sand und Mergel fräsen und einen drei Meter hohen Mikrotunnel bohren für die Ostseepipeline-Anbindungsleitung (Opal).

Die Trassenbauer geben richtig Gas. Gleich neben dem sogenannten Starterloch wurde gestern der Grundstein für die Anlandestation gelegt. Hier soll im Herbst kommenden Jahres das erste russische Erdgas über die Ostsee ankommen, sagt Wingas-Geschäftsführer Gerhard König. Am Ufer des Greifswalder Boddens werden später Anschlussleitungen den Weitertransport übernehmen, neben der nach Tschechien führenden Opal auch die Norddeutsche Erdgasleitung (Nel), die ein Jahr später Erdgas nach Westeuropa transportieren soll. Bis es soweit ist, müssen 130 Millionen Euro verbaut werden.

Zur Anlandestation werden umfangreiche Filter- und Druckregelsysteme gehören, erklärt Bauleiter Klaus Hauss mann. Die drei bis fünf Mitarbeiter sollen eine neue Messstation und Einrichtungen bedienen, mit denen das Erdgas vor seiner Weiterleitung erwärmt wird. Auch die berühmten Schieber, mit denen der Gasstrom gestoppt werden kann, werden in Lubmin installiert. Dass der Gashahn der neuen Pipeline jemals zugedreht wird, wie vor einem Jahr im Gasstreit zwischen Russland und Ukraine, kann sich Wingas-Chef König aber nicht vorstellen. "Die Ostsee ist das sicherste Transitland", sagt er. Staatssekretär Jochen Homann sieht das ähnlich. MV werde zu einer zentralen Drehscheibe einer europäischen und sicheren Gasversorgung, betont er. Allein in die Opal wird bis Ende 2011 rund eine Milliarde Euro investiert.

Für die 470 Kilometer lange Trasse durch MV, Brandenburg und Sachsen werden 2500 Arbeitskräfte gebraucht. Viele von ihnen sind bereits im Einsatz, haben schon fast 50 Kilometer Rohrsegmente verschweißt und auf 170 Kilometern den Mutterboden für die Verlegung abgetragen. In Sachsen wurde ein Leitungsstrang schon auf den Elbe-Grund versenkt. An der Peene hat sich die Tunnelbohrmaschine schon 500 Meter weit bis unter die Flussmitte geschoben. Insgesamt muss die Opal 172 Straßen, 27 Bahnstrecken und 39 größere Gewässer überwinden.

Mit der Verlegung der Rohre werden auch gleich moderne Glasfaserkabel für schnelle Internet-Zugänge in die Erde gebracht. Umweltminister Till Backhaus (SPD), der den mit schwerer Grippe im Bett liegenden Ministerpräsidenten Erwin Sellering (SPD) gestern in Lubmin vertrat, lobte den umwelt- und landschaftsverträglichen Trassenbau. Damit würden die Voraussetzungen für eine saubere Energiegewinnung gelegt. Schon in zwei Monaten soll auch die Verlegung der Pipeline durch die Ostsee beginnen. "Wahrscheinlich werden die ersten Segmente Mitte April vor der schwedischen Küste auf den Meeresgrund versenkt", kündigt Nord Stream-Sprecher Steffen Ebert an. Später würden drei Spezialschiffe der italienischen Reederei Saipem in unterschiedlichen Seegebieten gleichzeitig die Pipeline verlegen. Wann die Trasse in den sensib len Greifswalder Bodden gehievt wird, ist dagegen noch unklar. Nach Angaben des Oberverwaltungsgerichts Greifswald liegen inzwischen drei Klagen gegen die Verlegung durch die deutschen Küstengewässer vor. Neben den Umweltorganisationen BUND und WWF habe auch die Bundeswehr wegen möglicher Verletzungen militärischer Sicherheitsinteressen Einwände erhoben, sagt ein Gerichtssprecher. Zudem wolle ein Stettiner Unternehmer gegen das Projekt juristisch vorgehen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen