Kita-Vollverpflegung : „Träger hatten zwei Jahre Zeit, sich vorzubereiten“

Sozialministerin Birgit Hesse (SPD). Bernd Wüstneck/Archiv
Sozialministerin Birgit Hesse (SPD). Bernd Wüstneck/Archiv

Sozialministerin Birgit Hesse: 80 Prozent der Einrichtungen bieten schon lange ohne Probleme Vollverpflegung an. Beteiligung der Eltern an Entscheidungen ist ausdrücklich erwünscht.

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10. Dezember 2014, 12:00 Uhr

Sozialministerin Birgit Hesse (SPD) ist überzeugte Verfechterin der Kita-Vollverpflegung. Karin Koslik sprach mit ihr.

Vollverpflegung in Kindertagesstätten steht schon seit 2010 im Gesetz. Wie erklären Sie sich, dass erst jetzt so sehr darüber diskutiert wird?

Hesse: Es überrascht mich schon ein Stück weit, dass sich gerade jetzt auf der Zielgeraden die Proteste so stark regen. Ganz nüchtern betrachtet haben 80 Prozent der Kitas im Land überhaupt kein Problem mehr, sie bieten schon seit Jahren Vollverpflegung an. Ich erkläre mir die aktuellen Proteste so, dass es Träger und Leitungen einzelner Kitas versäumt haben, rechtzeitig mit den Eltern zu kommunizieren. Eltern, die erst jetzt, im November oder Dezember, mit dem Problem und den zu erwartenden Kosten der Vollverpflegung konfrontiert werden, regen sich aus meiner Sicht völlig zu Recht auf. Denn eigentlich hätten Träger zwei Jahre Zeit gehabt, das vernünftig vorzubereiten – unter Beteiligung der Eltern.

Wie weit geht die Elternmitwirkung? Können sie tatsächlich mit darüber befinden, was und zu welchem Preis ihre Kinder in der Einrichtung essen?

Aber ja. Aus meiner Sicht ist es absolut wichtig, dass man Eltern – über die Elternvertretungen – dabei beteiligt, und zwar nicht nur, wenn es um die Kosten geht. Es geht auch darum, dass die Kinder ein gesundes Essen bekommen. Deshalb müssen Eltern auch an der Auswahl eines Caterers beteiligt werden. Das ist ein Recht, das ihnen in jedem Fall zusteht.

Welche Mehrkosten kommen durch die Vollverpflegung auf die Eltern zu?

Das Kifög schreibt vor, dass Vollverpflegung integraler Bestandteil der Kita ist. Wir sagen weder, wie die Vollverpflegung aussehen muss, noch wie man sie abrechnen muss. Weil nicht jede Kita gleich ist, muss das bewusst vor Ort, mit den Eltern, auch mit den Jugendämtern besprochen werden. Insofern können auch die Kalkulationen unterschiedlich ausfallen. Ich habe jetzt immer, wenn ich in einer Kita war, die Vollverpflegung anbietet, nach den Kosten gefragt. Danach liegt der Richtwert zwischen 3,50 und 4,00, maximal 4,50 Euro pro Tag. Für Frühstück, Mittag und Vesper zusammen halte ich das für angemessen.

Aus Leserzuschriften kennen wir auch Kalkulationen, die von 5 Euro und mehr pro Tag und Vollzeitplatz ausgehen. Können sich Eltern dagegen wehren?

Sich die Kalkulation vorlegen zu lassen, ist das gute Recht aller Eltern. Sie sollten aber auch darauf schauen, was alles in die Pauschale reingerechnet wurde. Pädagogische Leistungen im Zusammenhang mit der Einnahme der Mahlzeiten dürfen zum Beispiel nicht über den Essenspreis auf die Eltern umgelegt werden.

Proteste gibt es vor allem dort, wo Träger entschieden haben, eine Pauschale anzusetzen, statt tatsächlich gegessene Mahlzeiten abzurechnen…

Um das Abrechnungsverfahren zu vereinfachen, setzen diese Träger eine Pauschale von 17 Tagen an – es ist ein Erfahrungswert, dass Kinder übers Jahr, also abzüglich Urlaub oder Krankheit, durchschnittlich so viele Tage im Monat in der Einrichtung sind. Können Eltern nachweisen, dass sie z. B. auf Grund von Schichtarbeit auf andere Zahlen kommen, dann lassen einzelne Kitas auch andere Pauschalen zu. Oder sie rechnen im Einzelfall spitz mit diesen Eltern ab. Das regeln wir extra mit dem Kifög nicht, sondern das ist etwas, was vor Ort geregelt werden kann. Wobei ich aber immer wieder betonen muss, dass die Vollverpflegung nicht abwählbar ist. Es ist aber über das Abrechnungssystem ausgleichbar, wenn es zum Beispiel Eltern gibt, die mit ihren Kindern zusammen zu Hause frühstücken.



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