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Tele-Medizin kontra Ärztemangel

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erstellt am 19.Jan.2010 | 02:05 Uhr

Greifswald | So soll im ländlichen Mecklenburg-Vorpommern die medizinische Versorgung der Zukunft aussehen: Angenommen, ein Patient in einem vorpommerschen Dorf erleidet einen Schlaganfall; der Arzt, zu dem er gebracht wird, ist kein Spezialist, doch per Videokonferenz nimmt er Kontakt zu Fachärzten aus einem weiter entfernten Klinikum auf. Bei der Behandlung lässt er sich von den Kollegen anleiten und kann so die nötige Erstversorgung leisten - ein Anwendungsbeispiel für Telemedizin und damit für das, was im Raum Vorpommern, der benachbarten Wojewodschaft Westpommern und Nordbrandenburg derzeit auf dem Vormarsch ist.

Gestern übergab Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsminister Jürgen Seidel (CDU) dem Verein "Telemedizin in der Euroregion Pomerania e.V." einen Förderbescheid über 11,4 Millionen Euro für den weiteren Ausbau des Telemedizin-Netzwerkes in der Region diesseits und jenseits der Grenze; Mittel aus dem europäischen Programm "Interreg IV A." Das Motto laute "Lass Daten wandern, nicht Patienten", sagte Seidel bei der Übergabe an der Universität Greifswald und erklärte: "Die Landesregierung fördert das Telemedizin-Netzwerk, weil es eine gute Möglichkeit darstellt, die ärztliche Versorgung in der Fläche zu garantieren." Noch sei die medizinische Versorgung zwar nicht das Problem, doch der demographische Wandel habe Mecklenburg-Vorpommern bereits fest im Würgegriff.

Die Lage ist bekannt: Viele der behandelnden Ärzte auf dem Land gehen auf die Rente zu, Nachfolger sind nur schwer zu finden. In der Euro-Region Pomerania, in der das Netzwerk weiter ausgebaut werden soll, leben 3,7 Millionen Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Polen und Schweden. Laut Seidel hat das dort wachsende Tele-Medizin-Netzwerk bundes- und europaweit Pilotcharakter. "Wir schaffen damit Beispiele auch für andere Regionen", sagte er.

Die EU fördert Tele-Medizin-Projekte in Vorpommern bereits seit acht Jahren, auch das Land hat seit 2004 mehrfach in den Ausbau investiert. In der jetzigen vierten Förderperiode, die bis 2015 läuft, soll die Zahl der teilnehmenden Klinken auf insgesamt 35 erweitert werden. Die meisten dieser Einrichtungen liegen in Vorpommern (14) und Westpommern (14), ein kleiner Teil (7) in Nordbrandenburg. Erste Partner des Netzwerkes waren etwa die Kliniken Greifswald, Ueckermünde, Anklam, Demmin und Wolgast, später kamen Häuser aus Nordbrandenburg dazu. Neuandocken sollen in den kommenden Jahren unter anderem Neustrelitz, Neubrandenburg, Malchin und Altentreptow.

Hauptziel des Gesamtprojektes ist es nach Angaben der Leiter, in der Pomerania-Region eine hochwertige und wohnortnahe Diagnostik und Therapie für Tumor- , Herz-, Schlaganfall- und Unfallpatienten sicherzustellen - rundum die Uhr.

Unter anderem auf dem Gebiet der Teleradiologie ist in den vergangenen Jahren bereits ein funktionierendes Netzwerk in Vorpommern entstanden, erklärte Professor Norbert Hosten, Vorsitzender des Vereins "Telemedizin in der Euroregion Pomerania" und Direktor des Greifswalder Instituts für Diagnostische Radiologie und Neuroradiologie. So versorgt die Radiologie der Universität Greifswald inzwischen vier Häuser in der Umgebung mit Befunden, "nachts und am Wochenende, also dann, wenn in diesen Häusern die Radiologie nicht besetzt ist, weil das wirtschaftlich gar nicht machbar wäre", sagte Hosten. Auch bei HNO-Problemen, auf dem Gebiet der Urologie und der Augenheilkunde sollen die vernetzten Ärzte künftig mithilfe moderner Technik kooperieren. Ein Schwerpunkt in der neuen Förderperiode liegt außerdem auf dem Erfahrungsaustausch zwischen Deutschland und Polen. "Es ist gewünscht, dass das Rad nicht auf beiden Seiten neu erfunden wird", erklärte Norbert Hosten.

Wie Wladylaw Husejko, Marschall von Westpommern, bestätigte, leidet die Region jenseits der Grenze unter ähnlichen Problemen wie Vorpommern und Nordbrandenburg: überalterte Gesellschaft, dünne Besiedelung, große Entfernungen. Mit der Tele-Medizin wolle man sicherstellen, "dass die Menschen in einem kleinen Krankenhaus die gleiche qualitativ hochwertige Behandlung bekommen wie jemand in einer großen Klinik", sagte Husejko.

Ob deutsche Patienten über die Tele-Medizin künftig auch von polnischen Spezialisten mitbehandelt werden können, ist wegen der unterschiedlichen Gesundheitssysteme und der Abrechnungsprobleme allerdings noch unsicher. "Bisher ist das nur ein Pilotprojekt", sagte Seidel. "Die Frage der Abrechnung wird in der Praxis eine große Rolle spielen, aber zuerst einmal müssen wir sehen, was das Netzwerk für die Menschen bewirken kann."

Im Verein "Tele-Medizin in der Euroregion Pomerania" arbeiten deutsche und polnische Mediziner und Verwaltungskräfte eng zusammen; eine gemeinsame Steuerungsgruppe plant die künftigen Investitionen. Der Zuschuss von 11,4 Millionen Euro deckt 85 Prozent der gesamten Investitionssumme. Den Rest müssen die teilnehmenden Kliniken übernehmen.

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