Tauschen und teilen (fast) wie zu Opas Zeiten

Verliehen wird fast alles. ZVS
Verliehen wird fast alles. ZVS

svz.de von
11. Juli 2012, 09:52 Uhr

Drei Dinge mit "F" verborgt man nicht: Füller, Frau und Fahrzeug. Woher diese Redewendung rührt, weiß keiner so recht. Genutzt wird sie dennoch gern. Doch wer sich heute noch daran hält, gehört zu einer schrumpfenden Klasse. Denn Leihen und Verleihen, Teilen und Tauschen sind wieder in. Das Neue im Vergleich zu Opas Zeiten: Man borgt nicht mehr (nur) unter Bekannten, sondern verleiht auch an Wildfremde - die man im Internet "getroffen" hat.

"Ein Auto ist keine Sammeltasse, sondern ein Gebrauchsgegenstand", sagt Thomas Duncker. "Die meiste Zeit wird es nicht einmal gebraucht, sondern steht sich die Achsen krumm." Das wollte der Rostocker - auch mit Blick auf die ständig steigenden Kosten - nicht länger hinnehmen. Über die Internetplattform nachbarschaftsauto.de bietet er seinen A-Klasse-Mercedes nun an - zum Ausleihen.

Die Idee für das Vermittlungsportal war am Biertisch entstanden. "In Deutschland gibt es rund 38 Millionen private Autos. Die meisten davon werden weniger als eine Stunde am Tag genutzt. Was kann man tun, um diese Ressource zu nutzen?", beschreibt Christian Kapteyn, geschäftsführender Gesellschafter von nachbarschaftsauto.de, die Überlegungen der Biergarten-Runde. Der Verleih von Privat an Privat sei da der logische Gedanke gewesen. Doch ziemlich schnell wurde der Haken an der Sache deutlich. Was passiert, wenn der Leiher mit dem Auto einen Unfall baut? Müsste der Verleiher oder dessen Versicherung dafür aufkommen, würde sich wohl kaum ein Anbieter finden. Deshalb machten sich Kapteyn und seine beiden Mitstreiter auf die Suche nach einer Versicherungslösung. Mit der R+V entwickelte man einen Tarif für das private Verleihgeschäft, der Haftpflicht, Teil- und Vollkasko einschließt. "Die Versicherung des Verleihers bleibt völlig außen vor", so Kapteyn. Als das geklärt war, konnte nachbarschaftsauto.de vor gut einem Jahr online gehen. Mittlerweile werden auf der Plattform bundesweit rund 1000 Autos vom 15 Jahre alten Polo bis zum BMW mit Sportausstattung angeboten.

Geld von Privat an Wildfremd

Ein Auto auf nachbarschaftsauto.de anzubieten oder zu suchen, kostet nichts. Erst wenn das Verleihgeschäft zwischen den Privatleuten zustande kommt, werden Gebühren fällig. Den Mietpreis legt der Verleiher selbst fest - er reicht von 2 bis über 90 Euro pro Tag. Hinzu kommt die Prämie für die Versicherung.

Je größer die Zahl der angebotenen Fahrzeuge wird, desto stärker kann das Portal einen weiteren Trumpf im Vergleich zur klassischen Autovermietung ausspielen: "Irgendwann habe ich 20 bis 30 Autos in der Nähe meiner Wohnung, während die Vermietung weit weg ist", schaut Kapteyn in die Zukunft. Auch Thomas Duncker schaut mit: "Perfekt wäre es, wenn ich irgendwann zwei, drei Stammkunden hätte." Bisher hat er nur zweimal verliehen - für Touren innerhalb der Stadt und nach Wismar. Nicht nur mit Blick auf die Fixkosten für sein Auto und die Umwelt, findet er die Idee gut. "So hilft doch auch einer dem anderen."

Anderen helfen will auch Petra Pöhler. Sie verleiht aber nicht etwa Bohrmaschinen, Pkw-Anhänger oder Autos - die Ärztin aus Plate verleiht Geld. Die Kreditnehmer sucht sie selbst aus - über die Onlinekreditbörse smava.de. Wer Geld braucht, stellt die benötigte Finanzierungssumme dort ein. Das Angebot enthält neben Angaben zum geplanten Projekt auch den Zinssatz, der für das geliehene Geld gezahlt werden soll. Anleger stellen dann per Mausklick Teilbeträge (ab 250 Euro) bereit. So kommt nach und nach das benötigte Geld zusammen - für die kurzfristige Investition eines Mittelständlers oder den neuen Computer der Studentin. "Ich finde es gut, dass Menschen, die auf dem normalen Kapitalmarkt kein Geld bekommen, es so von Privatleuten erhalten", nennt Petra Pöhler einen ihrer Beweggründe. Ihr sei dabei wichtig, dass sie selbst aussuchen kann, in welche Projekte ihr Geld fließt. "Politisch können wir doch schon nichts mehr entscheiden. Und ob meine Bank in Atomkraft investiert, weiß ich auch nicht."

Dass sie ihr Geld bislang immer zurückerhalten hat, sieht Petra Pöhler nicht als Glück. "Ich halte es für ein sicheres System", sagt sie. Zum einen werden Identität und Bonität der Kreditnehmer, unter anderem mit Hilfe der Schufa, geprüft und diese in Risikoklassen von A bis H eingestuft. Wem er sein Geld anvertraut, entscheidet jeder Anleger selbst. Zum anderen werden Anlegerpools gebildet - bekommt einer seine Tilgungszahlungen nicht, springen die anderen Anleger des Pools mit ein.

Für Dirk Neumann war nicht das Problem, ob er einen Kredit erhält, sondern wann. "Um einen längerfristigen Auftrag zu bekommen, brauchte ich kurzfristig das Geld, um vier Lkw bereitzustellen", erklärt der Fuhrunternehmer aus der Nähe von Schwerin. "Von meiner Hausbank hätte ich es so schnell nicht bekommen." Über Smava war die Summe innerhalb einer Woche - in vielen kleineren Beträgen - zusammengekommen.

Bewertungen helfen, Vertrauen aufzubauen

Auf pamundo.com wird nicht geliehen, sondern getauscht. MP3-Player gegen Xbox Games für Kinder, Surround-Lautsprecher gegen Netbook oder Steiff-Plüschtiere gegen eine H0-Modelleisenbahn. So ein Direkttausch Ware gegen Ware ist bei swapy.de ausgeschlossen. Stattdessen bekommt man im Tausch gegen das alte Handy swapy-Taler. Mit diesen kann man zahlen, wenn man selbst ein angebotenes Produkt haben will. Und weil es bei swapy.de nicht nur ums Tauschen geht, sondern auch darum, sich auszutauschen, gibt es zusätzliche Taler, wenn man Erfahrungsberichte schreibt, häufig tauscht und an Wettbewerben teilnimmt.

Ist es leichtsinnig, solche "Geschäfte" mit Fremden zu machen? Christian Kapteyn findet das nicht. "Zu sozialen Netzwerken gehört es, jemandem zu vertrauen, obwohl man ihn nicht kennt", erklärt er. "Als ebay gestartet ist, hatte man auch Bedenken, Geld an Unbekannte zu überwiesen, ohne zu wissen, was man dafür bekommt." Die Bewertungsmechanismen würden dabei helfen, Vertrauen aufzubauen.

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