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erstellt am 24.Apr.2012 | 11:22 Uhr

Rostock | Mehr als 660 Kirchen gibt es in Mecklenburg, rund 450 in Vorpommern, die meisten davon malerisch und uralt in kleinen Dörfern gelegen. Immer wieder klopfen Touristen an die Tür, um einen Blick ins Innere zu werfen, um vielleicht eine schöne Kanzel oder eine Malerei zu bewundern. So mancher möchte die Pause auf der Rad- oder Wandertour aber auch für ein Gebet nutzen oder eine Kerze anzünden.

Leider bleibt die Tür noch oft verschlossen, gibt es bestenfalls einen Hinweis, wo der Schlüssel erhältlich ist. Verlässlich offen, zumindest in der Urlaubssaison, sind bis auf Backsteinriesen wie St. Marien und St. Petri in Rostock, St. Nikolai in Greifswald, das Bad Doberaner Münster oder der Schweriner Dom nur wenige. Das soll sich ändern!

"Kirche und Tourismus" lautet seit 2008 ein Arbeitsschwerpunkt der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs. Eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Kombination. Doch die Tourismusbranche MV hat genau auf die Wünsche der Urlauber gehört - und die möchten "mehr Kirche". Damit entsprechende Angebote offeriert werden können, wurde bei Kersten J. Koepcke eine Schnittstelle zwischen Kirche und Touristikern eingerichtet. Seitdem ist der Gemeindepädagoge für die mecklenburgische Landeskirche auch in der Welt von "Produktentwicklung" und "Kooperationsmarketing" zuhause.

"Die Liste der für Besucher verlässlich geöffneten Kirchen umfasst in diesem Sommer bislang 45 Einträge", zieht Kersten Koepcke für Mecklenburg Bilanz. Das ist nicht gerade viel, doch immerhin ein Anfang. Man strebe ja keineswegs an, dass alle Kirchen, auch die weitab touristischer Zentren und Routen, mit garantierten Öffnungszeiten versehen werden, so der Kirchentouristiker. Dort aber, wo viele Urlauber vorbeikommen, sollten die Kirchen als Sehenswürdigkeiten offen stehen. "Und das muss dann auch kommuniziert werden!", betont er.

Es ist nicht so, dass die noch nicht bei "Tritt ein!" gelisteten Gemeinden ihre Kirche für Fremde grundsätzlich nicht öffnen wollen. "Aber mit morgens auf- und abends abschließen ist das ja nicht getan", weiß Koepcke, und auch Rainer Neumann, früherer Sprecher der Pommerschen Kirche, bestätigt das. Es geht um Fragen der Sicherheit, ums Saubermachen, um Kerzen und Blumen. Wer soll sich da den ganzen Tag lang hinstellen? Und schließlich: Was hat die einzelne Gemeinde davon?

Kersten J. Koepcke kennt die Argumente auf beiden Seiten. Gemeinsam mit dem Gemeindedienst der Landeskirche hat er deshalb einen Flyer entwickelt, der die einzelnen Kirchgemeinden zumindest auf die Thematik aufmerksam macht. "In persönlichen Gesprächen kann man dann Sorgen entkräften und bei der Organisation helfen", beschreibt er, was in den vergangenen Jahren einen Großteil seiner Arbeit ausgemacht hat. Rainer Neumann verweist für Vorpommern darauf, dass grundsätzlich viele Kirchen geöffnet sind, auch wenn es keine offizielle Liste gibt.

Die Vorteile, die eine offene Kirche mit sich bringt, kann kaum einer abstreiten: Grundsätzlich lässt sich der christliche Glaube in einer geöffneten Kirche besser vermitteln als in einer geschlossenen. Neben diesem ideologischen Effekt gibt es durchaus auch einen materiellen Anreiz: Aufgrund knapper Kassen ist jede Kirchgemeinde auf Spenden angewiesen, für Bauvorhaben zum Beispiel oder für die Kinder- und Jugendarbeit. Touristen - ob nun von weit her, oder als Sonntagsausflügler aus der nächsten Stadt - greifen eher ins Portemonnaie, wenn sie die Kirche besichtigt haben oder sich in einem Gespräch sogar über geplante Projekte informiert konnten.

Kersten J. Koepcke unterstützt die bei "Tritt ein!" beteiligten Gemeinden im Gegenzug, indem er sich um Hinweise in Übernachtungsverzeichnissen kümmert, Tourismusinformationen einbezieht oder im Tourismusverband und bei Landtagsabgeordneten Lobbyarbeit leistet. Wer auf dem Tourismusportal www.auf-nach-mv.de das Stichwort "Kirche" eingibt, findet über 70 Einträge. Auch auf der gemeinsamen Seite der Mecklenburgischen und der Pommerschen Landeskirche (www.kirche-mv.de) findet sich der Link zum Tourismus ganz oben an zweiter Stelle. Ab Pfingsten, wenn die Fusion zur Nordkirche greift, sollen sich die am Projekt "Tritt ein!" beteiligten Häuser der künftigen Kirchenkreise Mecklenburg und Pommern unter www.kirche-tourismus.de so detailliert wiederfinden, wie es für Hamburg und Schleswig Holstein jetzt schon der Fall ist.

Das Projekt "Tritt ein" entwickelt sich also. Kersten J. Koepcke ist sicher, dass aus den 45 gemeldeten Häusern plus erheblicher Dunkelziffer in den kommenden Jahren mehr werden. Eines der nächsten Ziele ist es jetzt, gemeinsam mit Touristikfachleuten geführte Touren so dauerhaft und sicher vorzubereiten, dass diese Reiseveranstaltern als Paket angeboten werden können. "Eine Studiosus-Kirchentour durch Mecklenburg, das wäre schon was", lacht er. "Region und Gemeinden würden stark von der zahlungskräftigen Klientel profitieren, die solche Bildungsreisen bucht." Aber dafür müssen zunächst wirklich Nägel mit Köpfen gemacht werden: Routen ausarbeiten und mit den betreffenden Kirchgemeinden abstimmen; dafür sorgen, dass zur gewünschten Zeit versierte Guides durch die Kirche oder auch über den Friedhof führen; Sanitäranlagen vorhalten… Durch die Aktion "Tritt ein!" ist der Weg schon etwas geebnet, trotzdem heißt es jetzt wieder, eine Vielzahl von Gesprächen zu führen, Bedenken auszuräumen, Vorteile aufzuzählen.

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